Pursuit of Happiness

Essay

von  Quoth

Nicht nur die amerikanische Verfassung sagt ihren Bürgern zu, dass sie ihr Glück verfolgen dürfen. Auch dem deutschen Verfassungswerk ist das Glück nicht fremd, wenn denn die Nationalhymne als Bestandteil jenes angesehen werden darf; dort aber ist expressis verbis davon die Rede, dass Einigkeit und Recht und Freiheit des Glückes Unterpfand seien. Also soll – und darf – auch der Deutsche nach dem Glück streben. Was aber ist nun das Glück? Für einen Amerikaner: Einen doppelstöckigen Hamburger sich zwischen die Kiemen zu schieben. Für einen Deutschen: Auf dem Oktoberfest Bier bis zur Kotzgrenze zu trinken. Oder sind das Klischees? Glück kann ja nichts anderes sein als das Erreichen eines sowohl äußerlich vorgegebenen als auch innerlich tiefempfundenen Lebenszieles. Was ist mein Lebensziel? Wonach strebe ich? Ach, wenn ich das in einem Wort zusammenfassen könnte! Ein ganz klein wenig, ich gebe es zu, strebe ich nach Ruhm. Aber womit soll ich in unserer heldenlosen Zeit berühmt werden? Mit Höchstleistungen in der Wissenschaft? Für die Wissenschaft fehlt es mir an Disziplin. Ich denke gern sprunghaft und um die Ecke, die Wissenschaft aber verlangt sorgsames, schrittweises Vorgehen. Wie wäre es andererseits mit einer Höchstleistung in der Kunst? Ich könnte z.B. das längste je geschriebene Gedicht verfassen und käme damit ins Guinness-Buch der Rekorde. Oder das größte je gemalte Bild ... Oder das lauteste je komponierte Orchesterstück! Wiederum ermangele ich des erforderlichen Ernstes. Berühmt werden nicht Luftikusse wie ich, sondern ernsthaft strebende Menschen von faustischem Charakter. Ich bin allenfalls dazu berufen, unterhaltsam zu sein. Schuster bleib bei deinem Leisten! Was aber wird dabei aus dem Glück? Liegt Glück nicht vielmehr darin, sich zu bescheiden und in Ehren alt zu werden? Genau: Ich will das Leben eines ganz normalen Menschen führen, heiraten, Kinder haben, ein Häuschen bauen und unter einem geschmacklosen Grabstein, der sich vergeblich gegen meine Bedeutungslosigkeit aufbäumt, ins Nichts modern. Glück liegt eben im Verzicht, im standhaften Erreichen des Kleinen. Alles andere ist Aufgeblasenheit, ist Größenwahn und Anmaßung. Natürlich gibt es gelegentlich Genies – aber wie furchtbar müssen sie bezahlen für das bisschen an Ruhm, das ihnen nachweht und das doch zu spät kommt, um sie aus ihrer armseligen Existenz zu erlösen. Mozart – jung im Armengrab verscharrt. Ist das Glück? Hölderlin – verrückt. Coleridge, der uns den unglaublichen ancient mariner schenkte – rheumasiech und opiumsüchtig. Vincent van Gogh – ruhm- und erfolglos in ohrabschneidender Depression dahingegangen, und kein Himmel da, aus dem er sich an seinem Nachruhm freuen könnte. Robert Walser – in der Irrenanstalt verholzt. Franz Kafka – an Tuberkulose und im Glauben gestorben, dass seine Werke nur das Feuer verdienten. Gottfried Benn – durch sein Verkennen des Nazismus für immer stigmatisiert. Paul Celan – in die Seine gesprungen. Wo ist da Glück? Ist nicht jeder Staudenzüchter in seiner Eigenheimidylle glücklicher? Oder gehört zum Glück etwa auch die Erkenntnis des Wahren? Dann freilich verschöbe sich alles. Die Werke dieser Künstler waren ja nicht nur schön, sondern auch wahr. Anders ausgedrückt: Sie haben Gott gesehen. Oder waren ihm in ihrer Schöpferkraft zeitweise gleich oder zumindest nah. Welch größeres Glück kann es geben? Lohnt es sich nicht, dafür krank und arm zu sein und jung und verkannt zu sterben? Pursuit of happiness – ein Wort, ebenso schillernd und rätselhaft wie der Mensch, der es erfand. Der eine findet sein Glück im Gebet; der andere im Aufruhr; der dritte im Bordell; der vierte in sportlicher Leistung; der fünfte in einer rein erbrachten wissenschaftlichen Arbeit; der sechste in einsamer Lektüre eines ihm schön erscheinenden Buchs; der siebente im Sprung vom Kirchturm. Auf all dies sollen wir ein Recht haben, das Recht zum pursuit of happiness. Vielen Dank, Gesetzgeber!




Anmerkung von Quoth:

Wieder ein Aufsatzthema der 50er Jahre. "Besinnungsaufsatz" hieß das damals. Und ein Schulkamerad hatte sich gerade vom Hamburger Michel gestürzt.

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Kommentare zu diesem Text


 AlmaMarieSchneider (20.05.22, 00:40)
Ich kann mich kaum mehr an ein Aufsatzthema aus meiner Schulzeit erinnern. Über Glück könnte man wohl soviel schreiben, dass man in das dafür nötige Papier die Erde einwickeln könnte. Es ist doch schon Glück, dass wir in Frieden leben können.

Lieben Gruß
Alma Marie

 Dieter_Rotmund (20.05.22, 12:52)
Du arbeitest dich m.E. etwas zu sehr an der Formel Erfolg=Glück ab, aber dennoch ist der Text ein lesenswerter Essay, der zum Nachdenken einlädt.
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