Sexualität - Geißel oder Chance?

Essay

von  Quoth

Die Zerteilung des Menschengeschlechts, ja, fast der ganzen Natur in zweierlei Geschlechter ist ein genialer, aber auch grausamer Einfall der Natur. Genial deshalb, weil dadurch die Karten der Eigenschaften immer wieder neu gemischt werden, so dass die von Darwin postulierte optimale Anpassung an die Lebensbedingungen gewährleistet ist. Wie sollten anders auf der sturmüberwehten Insel flügellose Fliegen entstehen? Wie anders sich die den Bambuswald bewohnende Katze durch Streifen tarnen und so zum Tiger mutieren? Das Konzept der Sexualität ist ein erhabenes, und es steht mir nicht an, es zu kritisieren. Wie aber beim Menschen? Lebte er doch ebenso bewusstlos wie die Großkatze! Erfüllte das in ihm angelegte Programm ebenso unwissend wie sie! Aber nein, er hat ein Bewusstsein, und das Bewusstsein drängt ihn in allem zum Äußersten. Er löst die Lust vom Zeugungszweck und sucht nach ihrer höchsten Steigerung. Er löst die Sexualität von der Liebe bis zur Ekelhaftigkeit. Alles ursprünglich Gute verwandelt sich unter seinen Händen in Schlechtes, und ein Ende ist nicht abzusehen. Wieviel Leid habe ich in den wenigen Jahren seit meinem sexuellen Erwachen schon erfahren! Meine Mutter hat vor mir gekniet und mich unter Tränen angefleht, von der Selbstbefleckung zu lassen. Im vorigen Jahrhundert hat Dr. Schreber, der Erfinder des Laubenpieperglücks, den Knaben nachts lederne Gurte angelegt, um sie von der Selbstbefriedigung – dies der neutralere Ausdruck – abzuhalten. Zugleich suhlte sich die scheinbar so sittenstrenge Erwachsenenwelt in den widerlichsten Ausschweifungen. Es wurde behauptet, die Onanie schade dem Körper und dem Geist – statt dass man in ihr sah, was sie ist: Eine Art von Ertüchtigungsübung für den Ernstfall – oder aber, wenn sie geübt wird wie von ihrem Namenspatron in der Bibel, nämlich als „den Samen vorbeifallen lassen“, eine Form der Verhütung. Warum sollte uns der Gott, der befahl: „Seid fruchtbar und mehret euch!“, zugleich die Lust verübeln? Ich kann mir nicht vorstellen, dass er einen Sohn ohne Lust zeugt – jedenfalls von Zeus kann ich mir das nicht vorstellen. Als er Alkmene beiwohnte und ihr den Herakles machte, wird er, wie es sich gehört, vor Lust gestöhnt haben – zumal ihm ja auch noch, was sie nicht wusste, weil er in die Gestalt ihres Gatten geschlüpft war, die zusätzliche Freude der Verführung und des gelungenen Ehebruchs zuteilwurde. Über Gott und Maria will ich mich in dieser Hinsicht nicht auslassen, weil ich das religiöse Empfinden einer christlichen Lehrerschaft schonen möchte, und möchte und will mich darauf beschränken, Paracelsus zu zitieren: "Gott der Vater hat ein Weib gehabt vor allen Dingen. Wenn er kein Weib gehabt hätt, so hätt er den Sohn nit gehabt." Ich bin sicher, es täte dem Christentum, der Kirche und allen Gläubigen gut, wenn in dieser Hinsicht etwas mehr Fleischlichkeit in die heiligen Hallen einzöge. Die Prüderie halte ich für die schlimmere Landplage als zu große Sinnlichkeit. Werden denn nicht mehr vor- und außereheliche Kinder durch den prüden Mangel an Aufklärung gezeugt, als gezeugt worden wären, hätte man die jungen Menschen gut unterrichtet und ihnen ein Präservativ in die vor Verlangen zitternden Hände gedrückt? Prüderie ist eine Landplage, und sie grassiert eben sowohl in unseren evangelischen wie in katholischen Breiten. Die Großmutter meiner Mutter war eine völlig entkirchlichte Frau. Nie ging sie in den Gottesdienst, betete nicht und lehrte nicht beten. Aber die Prüderie hatte sie nicht abgelegt. Sie verbot meiner Mutter, Goethe zu lesen, weil sein Sohn fast erwachsener Trauzeuge bei der Hochzeit seiner Eltern gewesen sei. Außerdem habe der Dichter Liebschaften mit verheirateten Frauen unterhalten. Pfui! Als der Mann dieser Großmutter starb, schnitt sie ihn aus allen Fotos heraus. Sie hasste ihn, sie hasste das andere Geschlecht. Und das war in diesem Fall das meine. Wie wunderschön hat Gott die jungen Mädchen gemacht! Sicherlich hat er das nicht getan, um uns zu quälen, sondern um uns zu locken und mit großer Freude zu belohnen. Ein unsinnlicher Gott hätte die Welt nicht so schön gemacht, wie sie ist. Ich brauche mich nur an einem lauen Sommerabend in die Fluten des Aalsees zu werfen ... Wie weich das Wasser mich umfängt, umspült und trägt! Wie zerbrechlich der Himmel sich über mir wölbt! Wie zärtlich die Schwarzerlen wispern! Wie nachdrücklich die Singdrossel all ihre kostbaren Strophen wiederholt! Und wie spöttisch und reizend mir die Seglerin zulacht, die sich sportlich aus ihrem Boot lehnt, während sie an mir vorbeirauscht! Genießt sie es wohl, mir ihren athletischen Körper zu zeigen und von mir begehrt zu werden? Und was wäre daran Böses? Wieviel Zukunft, Schönheit und Hoffnung ist in allem! Gott, so es ihn denn gibt, war ein exzellenter Mathematiker, aber auch ein Künstler unglaublichen Ausmaßes, als er die Welt schuf, und selbst Krankheit, Kot und Parasiten, Verbrechen, Krieg und Not vermögen das anmutige Gesamtbild nicht völlig zu zerstören.




Anmerkung von Quoth:

Diesen Aufsatz hätte ich geschrieben haben wollen, wenn mir das Thema damals gestellt worden wäre.

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Kommentare zu diesem Text


 Tula (14.06.22, 17:57)
Hallo Quoth
So ein Leben ganz ohne Lust wäre doch todlangweilig ... Ich denke sogar, ohne Sex(ualität) gäbe es keine Zivilisation bzw. soziale Gliederung der Gesellschaft, also keine Gesellschaft. Der Antrieb, wer jetzt die meisten Bananen hortet, wäre einfach nicht genug. 

Schmunzelnde Grüße
Tula

 Quoth meinte dazu am 16.06.22 um 16:13:
Und vor allem gäbe es ohne sie keine Dichtung! Danke für den Kommentar. Quoth

 AlmaMarieSchneider (14.06.22, 19:17)
Lieber Quoth,

solche Themen gab es damals ja nicht. Sexualität musste wieder neu entdeckt werden. Sogar das Mittelalter ging freier damit um.
Ein gelungener Aufsatz.

Liebe Grüße
Alma Marie

 Quoth antwortete darauf am 16.06.22 um 16:15:
Stimmt, deshalb gab es im Mittelalter auch keine Pornografie! Mit Dank für Kommentar und Empfehlung Quoth
klausKuckuck (71)
(14.06.22, 19:47)
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 Quoth schrieb daraufhin am 16.06.22 um 16:17:
Unfassbar! Wurde dieser Totentanz von Goethe nur wegen der abgeworfenen Hemden als sittenwidrig angesehen?  Vielen Dank für Kommentar, Empfehlung und Lieblingstext, Quoth
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