Amerika - Hoffnung oder Gefahr?

Essay

von  Quoth

„Amerikanisierung!“ schimpfen die einen und meinen Kaugummi, Jazz und Pettycoats. Andererseits aber kommen wir um Amerika gar nicht herum. Es ist die Nation, die den letzten Krieg mehr als alle anderen, mehr auch als die Sowjetunion, gewonnen hat und im Westen, zu dem wir uns notgedrungen, vielleicht aber auch erfreulicherweise zählen, den Ton angibt. Wenn Amerika in Ordnung ist, stimmt auch bei uns die Lage. Das ist die Grundregel, nach der wir uns verhalten, und was liegt da näher als eine grundsätzliche Übernahme amerikanischer Lebensart? Hammer oder Amboss sein, sagt Goethe, und wir sind nun mal Amboss, die Schläge sausen auf uns nieder und unsere Oberfläche verformt sich. Nur die Oberfläche? Ich glaube, auch eine gewisse Tiefenwirkung wird auf die Dauer nicht ausbleiben. Das wäre auch gar nicht wünschenswert. Amerika hat manches Gute zu vergeben. Wenn ich nur an die große demokratische Tradition denke, mit der wir Deutschen uns nicht messen können. Noch bis vor kurzem hatten wir Könige und Kaiser, dann gab's ein republikanisches Zwischenspiel, aus dem die Diktatur hervorging. In dieser Zeit hatte Amerika Roosevelt und seinen New Deal. Es gab Aufwind überall, die kleinen Leute hatten Oberwasser, die Armut drückte die Armen weniger als zuvor. Roosevelt war zwar krank – er hatte die Kinderlähmung, wie ja auch Hitler krank war mit seiner parkinsonschen Krankheit – aber das soll letztlich nichts heißen. Wie viele kerngesunde Esel gibt es auf der Welt! Ein Kranker mag, wenn sein Leiden ihn aufschließt für die Not anderer, ein besserer Politiker sein als ein dümmlich Gesunder. Grundsätzlich ist Amerika ein gesundes Land oder vielmehr ein Land, in dem Gesundheit und Jugend alles gilt. Auf den Universitäten wird der Sport gepflegt, aus den Reklamebildern Amerikas strahlen die hübschesten und gesündesten Frauengesichter den freudigen Verbraucher an. Das ist ein Optimismus, der sich mitteilt. Freilich ist Amerika auf Unrecht gegründet. Weder die Vertreibung und Ausrottung der Indianer war rechtens noch der massenhafte Import von Sklaven aus Afrika. Scheußlich, dieser Sklavenhandel, und doch romantisch die Vorstellung, in ein Herrenhaus der Südstaaten hineingeboren und von einer schwarzen Amme aufgezogen worden zu sein! Welche Macht muss das, was man Schicksal nennt, in diesen Breiten einst gehabt haben! Roman und Film „Vom Winde verweht“ geben davon einen nachhaltigen Eindruck. Überall, wo klar geherrscht und klar gedient wird, ist das Schicksal stark, während die Verwischung dieses Gegensatzes durch wirkliche oder vermeintliche Demokratie und Freiheit das Schicksal schwächt. Ich beklage das nicht, ich stelle es nur fest. Wo alles machbar ist, gibt es kein Schicksal mehr. Das ist bedauerlich besonders für diejenigen Leute, die aus beruflichen Gründen auf Schicksal angewiesen sind, ich meine die Verfasser von Romanen, Theaterstücken und Drehbüchern. Sie suchen sich, wenn sie Schicksal darstellen wollen, ihre Stoffe gern in ferner Vorzeit. Haben wir nicht neulich das bemerkenswerte Stück besucht, das den Titel „Trauer muss Elektra tragen“ trägt, in Wirklichkeit aber nicht in der Antike, sondern in den Südstaaten etwa zur Zeit von „Vom Winde verweht“ spielt? Ein klassischer Säulen-Portikus schmückt das Haus am Shenandoah River, das, von wehmütigen Sklavenliedern umraunt, manch düstersüßes Geschick in seinen abweisenden Mauern birgt. Ist das alles nur Schmus? Nein, es ist die Heroenzeit und -welt Amerikas, das, als ein neu besiedelter Kontinent, mit der Geschichte gleichsam einen neuen Anfang machen musste. Hätte nicht auch ich, wäre ich in die damalige Zeit und Welt hineingeboren worden, gehorsam und den Umständen entsprechend Indianer bekämpft und Sklaven zum Gehorsam angehalten? Nur allzu gut kann ich mir vorstellen, wie die von meiner weißen und kaum behaarten Schülerhand geschwungene Peitsche auf einen schwarzen Rücken klatscht, wie ein toter Indianer aus der Schussbahn meines Gewehrs purzelt. Epochen des Handelns kennen keinen Pardon, erst der abgesichert in seinem Büro sitzende Enkel macht es sich leicht, bei einem whisky on the rocks die Gräuel seiner Großväter mit anmaßender Souveränität zu verurteilen. Nein, Amerika ist roh, aber nicht schlecht. Man soll keine Hoffnungen auf es setzen, aber es wie ein etwas missratenes Kind lieben darf der Europäer, der heute unter die Kuratel dieses jungen Riesen geraten ist und gern mit Herablassung zu ihm aufblickt. Einmal möchte ich Amerika besuchen. Sicherlich wäre ich enttäuscht, weil ich jenes heroische Südstaaten-Amerika oder auch das Amerika Neu-Englands, wo sich die Tische unter der Last von Buchweizenpfannkuchen mit Ahornsirup biegen, wohl nirgends antreffen werde. Aber auch die breiten Straßen, die Bohrtürme, die riesigen T-bone-steaks in billigen Motels haben ihren Reiz. Ich will Amerika, wo wir nun schon einmal nicht um es herumkommen, nicht in Bausch und Bogen verdammen, sondern es von seiner besten Seite nehmen, in der Hoffnung, dass das ein wenig dazu beiträgt, es zu verbessern. Oder ist das anmaßend? Hat Amerika uns nicht mit Care-Paketen vor dem Hungertod bewahrt und uns mit dem Marshall-Plan das Wirtschaftswunder beschert? Hat es nicht Berlin gerettet, als die Sowjets es zu strangulieren versuchten? Ja, wir haben Grund, unserem größten Besieger dankbar die Füße zu küssen. Aber solch eine Geste bringt auch innerlich auf, und ich fühle mich versucht, ihm in die Zehen zu beißen, und manchmal fürchte ich gar, die USA könnten einen ebenso verbohrten Diktator wie Hitler hervorbringen, der nichts will als Verbrechen, Weltherrschaft und Krieg.



Anmerkung von Quoth:

Unter Amerika verstanden wir damals nur im Geographie-Unterricht den Kontinent, im allgemeinen Sprachgebrauch bezeichnete Amerika die USA.

Hinweis: Du kannst diesen Text leider nicht kommentieren, da der Verfasser keine Kommentare von nicht angemeldeten Nutzern erlaubt.

Kommentare zu diesem Text


 Graeculus (20.06.22, 23:43)
Hätten wir, um 1840 in den Südstaaten lebend, Sklaven ausgepeitscht? Ich kann das nicht glauben.

Gestern habe ich über die USA nachgedacht. Etwa so: Wenn der Präsident sich als ein Verbrecher erweist (ich dachte an Nixon und Trump), dann kann man sich auf eines verlassen: daß ihm eine Presse unerbittlich im Nacken sitzt, ohne daß die Journalisten dafür im Straflager landen. Manchmal erhalten sie sogar den Pulitzer-Preis dafür.
Alexej Nawalnyj kann bezeugen, daß dies nicht jedes Land der Welt von sich behaupten darf.

 Quoth meinte dazu am 21.06.22 um 08:35:
Auf Deine Anfangsfrage: Als Herrensöhnchen geboren ... Auch das Gewissen, die Menschlichkeit wird sozial gestaltet.
Ja, die amerikanische Presse ist ein wahrer Hoffnungsschimmer!
Danke für Empfehlung und Kommentar.

 Regina (21.06.22, 04:29)
"Romantisierendes" Amerikabild mit historischen Elementen und Filmszenen, das wohl kaum der heutigen Gesellschaft mit ihren Problemen gerecht wird: Obdachlosigkeit, Rassismus, fehlende Krankenversicherung, Schusswaffengebrauch usw.

 Quoth antwortete darauf am 21.06.22 um 08:39:
Es ist das Amerikabild eines 16Jährigen Mitte der 1950er Jahre. Es wirkt in den heute 80Jährigen sicherlich noch fort, wird aber durch die von Dir genannten Fakten heftig eingeschwärzt. Wie würde eine heute 16Jährige, die noch nie in den USA war, das Thema behandeln?
Danke für den Kommentar.
Zur Zeit online:
keinVerlag.de auf Facebook keinVerlag.de auf Twitter keinVerlag.de auf Instagram