Was ist ein Held?

Essay

von  Quoth


Es ist dies ein merkwürdig erloschenes Wort. Mag sein, dass der exzessive Missbrauch, den man vor noch nicht langer Zeit damit getrieben hat, ihm die Kraft nahm. In der Tat haben ja viele deutsche Soldaten Wunder an Tapferkeit, Durchhaltevermögen und Einsatz für die Kameraden vollbracht. Aber all ihr Heldentum steht unter dem Verdikt, dass es der Ausbreitung und Verteidigung eines verbrecherischen politischen Systems galt, das die Menschenwürde mit Füßen trat und die simpelsten Rechtsgrundsätze verhöhnte. Kann ein Kämpfer für verbrecherische Ziele ein Held sein? Das ist eine interessante Fragestellung, die zum Kern der Sache führt: Ist nicht Held immer nur der, der erfolgreich für das Gute kämpft? Ist der Ruhm des Herakles, aber auch des Theseus, des Siegfried und des Beowulf nicht darauf gegründet, dass sie Ungeheuer erschlugen und das Dasein und Zusammenleben der Menschen verbesserten, sicherten und befestigten? Der erste Eindruck spricht dafür, dass Held nur sein könne, wer auf der richtigen Seite steht. Wer aber stand auf der richtigen Seite im amerikanischen Bürgerkrieg? Gab es nicht Heldentum auf beiden Seiten? Waren die, die gegen die Abschaffung der Sklaverei kämpften, per se schlecht? War nicht die Abschaffung der Sklaverei, wenn man einmal an die daraus folgende Proletarisierung, Verslummung und Verelendung der Amerikaner afrikanischer Herkunft denkt, nicht vielleicht das größere, wenn auch im Namen eines Ideals begangene Verbrechen? Wer das Heldentum moralisch überfrachtet, wird es ganz abschaffen – denn letztlich ist jede Tat zweifelhaft und hat mehrerlei Folgen. War es nicht ein naturwidriger Frevel ersten Ranges, dass Herakles die Großkatzen in Griechenland ausrottete? Wäre man heute nicht glücklich, noch welche zu haben? Dies führt zu der Überlegung, ob das Heldentum überhaupt auf jenen Taten beruht, die vordergründig den Ruhm begründen. Ist nicht Herakles deshalb groß gewesen, weil er zuerst einmal immer sich selbst hat überwinden müssen? Alle seine Taten vollbrachte er im Dienst des neidischen und ihm in keiner Weise gleichwertigen Vetters Eurystheus. Durch seine Selbstüberwindung ist er groß und heldenhaft geworden. Und hat er nicht der Omphale als weichlicher Kammerdiener unmännliche Dienste geleistet? Auch die Leidenschaft hat er mit all ihren Demütigungen durchlitten. Heldsein, so lässt sich sagen, beruht auf einer inneren Größe, und die lässt sich an äußeren Taten nicht immer messen. Heldsein bedeutet, Achtung als Mensch zu verdienen. Etwas allgemein Menschliches, Erschütterndes und Großes muss im Helden aufscheinen, und dafür reichen Tapferkeit und Todesverachtung allein nicht aus. Was mir vorschwebt, möchte ich an einem Beispiel erläutern: an Achilleus. Wäre Achilleus nur die Kampfmaschine gewesen, als die Homer ihn seitenlang schildert, ich glaube, Homer hätte ihn gar nicht erwähnt. Reine Kampfmaschinen lassen uns kalt, sie haben etwas Roboterhaftes. Stärke allein ist kein Verdienst. Die eigentliche Heldentat des Achilleus ist sein Waffenstreik. Agamemnon nahm ihm eine Frau weg – die Briseïs – da sagte er: „Macht euern Dreck alleene!“ Dieser Krieg um eine Frau – Helena – wird von ihm wegen einer Frau – der Briseïs – bestreikt. In diesem Moment wird Achilleus zum Helden. Er ist nicht blinddummer Befehlsempfänger und Held im unreflektierten Dienst einer Sache – sondern einer, der nicht kämpfen kann, wenn seine Menschenwürde verletzt ist. Agamemnons Selbstherrlichkeit zertritt seine Ehre. Sieht man ihn einmal von dieser Seite – und Homer tut das – so fallen einem noch viele weitere unheldische Züge an ihm auf. So wollte Achilleus nicht in diesen ihn nicht interessierenden Krieg ziehen; er versteckte sich in Mädchenkleidern unter Mädchen, und nur die List des Odysseus, die Kriegstrompete zu blasen, ließ ihn sich verraten. Ein anderer unheldischer Zug: Sein Weinen um Hektor und über den Krieg, als Priamos zu ihm kommt, um den Leichnam seines Sohnes auszubitten. Ich glaube, Achilleus war wirklich ein Held. Ein Held ist einer, der Großes in Selbstüberwindung und innerer Freiheit vollbringt; der bloße Befehlsempfänger kann niemals Held sein. Hätte es auf deutscher Seite im letzten Krieg mehr Achilleuse gegeben, das Wort Held nähme sich nicht so fad aus in unserem Munde.



Anmerkung von Quoth:

Die Mädels in der Klasse haben sich natürlich auf Antigone kapriziert.

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Kommentare zu diesem Text


 AlmaMarieSchneider (19.06.22, 19:32)
Zu "Helden" habe und hatte ich immer ein sehr distanziertes Verhältnis. Es wird mir zu oft mit Feinden, Krieg, Ausrottung, Mord und Tod verbunden. 
Sind nicht die wahren Helden Menschen, die Diktatoren widersprechen, Frauen, die Kinder aufziehen, die der Mann und Vater hat sitzen lassen, Menschen, die geduldig Krankheit ertragen?
Auch Siegfried ist für mich kein Held, beteiligt er sich doch (nicht uneigennützig) an der Ausrottung der Natur.
Ich kenne keine sogenannten Helden, die nicht auch großes Leid hinterlassen. Diejenigen, die uneigennützig helfen (bei der Tafel, in der Krankenpflege usw. werden kaum Helden genannt.

Nachdenkens werter Text.

Liebe Grüße
Alma Marie

 Quoth meinte dazu am 20.06.22 um 10:51:
Ja, es gibt viel stilles Heldentum, besonders auf der weiblichen Seite. Dank für Empfehlung und Kommentar.

 Taina (20.06.22, 07:47)
Gab es nicht Heldentum auf beiden Seiten?
Ja, Heldentaten sind situationsbedingt. 


Im Zeitalter der Superhelden und Helden des Alltags hat es ein herkömmlicher Held nicht so leicht den Ruhm zu ernten. 🙃

 Quoth antwortete darauf am 20.06.22 um 11:13:
War der Rote Baron im Ersten Weltkrieg ein Held oder der, der ihn abschoss? Dank für Empfehlung und Kommentar.

 Taina schrieb daraufhin am 20.06.22 um 11:35:
Der rote Baron war ein Held, er genoss den Respekt der Feinde.

Über den, der ihn abschoss wurden sich die Helden nicht einig.

 Dieter_Rotmund (20.06.22, 09:46)
Im Kern mit deiner zentralen Aussage gefällt mir der Aufsatz gut, aber die Einleitung mit den Wehrmachtssoldaten ist dir m.E. misslungen.

 Quoth äußerte darauf am 20.06.22 um 11:18:
Ich habe damals meinen Vater naiv gefragt, warum er die Orden in seiner Nachttischschublade aufbewahre und nie trüge wie andere Veteranen in den USA und der SU. "Weil wir nicht nur den Krieg, sondern auch unsere Ehre verloren haben," war seine Antwort. Darauf beruhen die von Dir kritisierten Sätze. Vielen Dank für den Kommentar.

Antwort geändert am 20.06.2022 um 11:19 Uhr

Antwort geändert am 20.06.2022 um 11:19 Uhr

 EkkehartMittelberg (20.06.22, 10:40)
Ja, ohne die Achillesferse  der inneren Verletzlichkeit wäre ein Held nur eine Kampfmaschine.

 Quoth ergänzte dazu am 20.06.22 um 11:21:
Dank für Empfehlung und Kommentar!

 Graeculus meinte dazu am 20.06.22 um 13:26:
Stimmt, die Ferse ist das Symbol dafür.

 Graeculus (20.06.22, 13:25)
Held gehört zwar nicht zu meinen Lieblingswörtern, aber wenn man seine Bedeutung analysiert, dann kann man Dir nur zustimmen: es hat mit dem Überwinden nicht nur äußerer, sondern auch innerer Widerstände zu tun, wofür Achilleus tatsächlich ein gutes Beispiel ist.
Muß es im Kampf für das Gute sein? Da habe ich Zweifel. Der Kampf um Troja ist nicht der Kampf um das Gute. Die Taten des Herakles sind es auch nicht.
Aber der Kampf muß die Phantasie entzünden können, muß vielleicht eine Identifizierung ermöglichen.
Und es hat den Anschein, daß Frauen gewöhnlich andere Heldengestalten bevorzugen als Männer.

Eines kann man auf jeden Fall sagen: der Heldenkult ist ungebrochen. (Was wäre Tom Cruise ohne ihn? Eine Null.)

Ein zu Gedanken anregender Text, der Deine.

 Quoth meinte dazu am 22.06.22 um 12:37:
Für das nachvollziehbar Gute. Ich glaube, Generationen von Ehemännern (und ihre Frauen nicht minder) haben es toll gefunden, dass da eine treulose Ehefrau dahin zurückgeführt wurde, wo sie hingehörte! Dank für Empfehlung und Kommentar.

Antwort geändert am 22.06.2022 um 12:38 Uhr
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