Die Ratlosigkeit

Text zum Thema Resignation

von  GastIltis


nach Zeilen von Lothar Sauer (1930 - 2018)



Die Ratlosigkeit ist das Wissen um

die eigene Dummheit. Sie tritt vermehrt auf,

wird aber selten gesichtet.

Ihre Verstecke sind öffentliche Plätze,

Veranstaltungen und Demos. Dort entfaltet

sie sich in ihrer vollen Größe und

Unberechenbarkeit.


Morgens gleitet sie aus einer familiären

Atmosphäre heraus urplötzlich in einen

offiziellen Umhang, aus dem sie sich nur

zeitweilig oder unbewusst zu befreien vermag.

Der Schaden, den sie inzwischen

anrichtet, ist unermesslich.


Ihre Tarnung ist eine fortdauernde

Betriebsamkeit. Deren Sinn oder Unsinn

zu durchleuchten, gelingt nur sehr

verzweifelten Individuen. Wenn sie

sich vom Treiben nicht anstecken

lassen wollen, zahlen sie mit ihrem Leben.


Sie verfügt über willfährige Helfer und

Förderer. Deren gute Positionen in Wirtschaft,

Politik, Handel, Verwaltung, Gesetzgebung,

Kunst und selbst beim kritischen Publikum

versetzt sie in die Lage, alles zu glauben,

zu tun und als richtig zu empfinden.


Die Ratlosigkeit geht selbst dann voran,

wenn sie nicht mehr weiter weiß.

Ihr Kalkül, es ohne Begründung immer

schon besser gewusst zu haben, ist ihr

Schild und Speer zugleich.

Früher war alles noch früher.

Und nicht nur gleichzeitiger,

sondern unmittelbarer.


Da gab es noch Tage, die Tage waren.

Mit allem, was dazu gehörte.

Dass man darüber noch redet, ist ein Wunder.

Früher waren die Zeiten noch wie aus Stahl:

geschmiedet, hart, elastisch.


Und die Leute waren nicht ratlos. Viele,

eigentlich alle. Den Begriff Ratlosigkeit

kannte man nicht. Jeder war zur Stelle.

Heute fragen alle: Wo?

Da gab es den Satz „zur falschen Zeit

am falschen Ort“ überhaupt noch nicht!


Wer ratlos ist, darf auch die Sprache missbrauchen.

Wie eigentlich alles. Waffen, Menschen,

Ressourcen, Planeten, das Meer, die Luft,

das Leben. Und die eigene Dummheit.




Anmerkung von GastIltis:

Empfohlen von: Agnete, AchterZwerg, franky, AZU20.
Ja, warum?

Hinweis: Du kannst diesen Text leider nicht kommentieren, da der Verfasser keine Kommentare von nicht angemeldeten Nutzern erlaubt.

Kommentare zu diesem Text


 AchterZwerg (26.09.22, 07:54)
Ihre Tarnung ist eine fortdauernde
Betriebsamkeit. Deren Sinn oder Unsinn
zu durchleuchten, gelingt nur sehr
verzweifelten Individuen. Wenn sie
sich vom Treiben nicht anstecken
lassen wollen, zahlen sie mit ihrem Leben.

Das, lieber Gil, gilt wohl ganz besonders für Rentner und Pensionäre!  :P

Lachende Grüße
der8.

 GastIltis meinte dazu am 26.09.22 um 15:54:
Danke lieber Achter,
den Satz, den du heraus gelöst hast, hättest du auch etwas verkürzen können. Sie zahlen doch sowieso mit ihrem Leben. Ein paar von ihnen haben aber noch etwas mehr als Draufgaben zu opfern; ich zähle leider nicht dazu. Dennoch, zum Jammern habe ich keinen Grund. Danke für die Empfehlung. (Die Zeilen sind übrigens nicht mein Stil, weißt du aber auch so).
Liebe Grüße von Gil.
Agnete (66)
(27.09.22, 21:54)
Dieser Kommentar ist nur für eingeloggte Benutzer lesbar.

 GastIltis antwortete darauf am 28.09.22 um 10:13:
Danke Monika,
dass du nichts dafür kannst, spricht ja für sich.
Zu deiner Frage: Die Vorlage für meinen Text sind Lothar Sauers Zeilen „Litanei für eine ratlose Stimme“. In dem Fall ist es der Titel des schönen Gedichtes, der mich zu den weit weniger guten Zeilen meinerseits inspiriert hat. Das erkennt man sehr schnell. Bei Trakl und anderen Gedichten, an denen ich mich gelegentlich orientiere, ist es manchmal das Motiv, oft auch die Stimmung, manchmal der Schwung bzw. Drive (Rühmkorf) oder auch das Niveau (Ekki, siehe mein Gedicht „Herz, ach Herz“ oder „Der Herbst bringt lila Grüße“ als Kommentar zu seinen „Fröhlichen Herbstgedanken“). Auch Hölderlins „Andenken“ habe ich gern verwendet, wobei ich dort einzelne Sequenzen, Zeilenstücke für Gedichte genutzt habe (Im Hofe wächst ein Feigenbaum). Früher habe ich mich auch gern an Otto angelehnt, sofern ich seine Texte verstanden habe. Lang ist es her.


Viele Grüße sendet dir Gil.
Zur Zeit online:
keinVerlag.de auf Facebook keinVerlag.de auf Twitter keinVerlag.de auf Instagram