Barmherzigkeit

Kurzgeschichte zum Thema Allzu Menschliches

von  Isaban

Erst löschte er seinen Durst, dann wusch er sich Hände, Gesicht und Achseln am Pferdebrunnen. Aber er stank immer noch, er konnte sich selbst riechen. Um ganz reinzusteigen, bevor hier Menschen vorbei kamen, war es noch zu kalt. Es würde sowieso nichts nützen, seine Kleidung stank genau wie er und daran konnte er noch weniger ändern. Schnell zog er seine Jacke wieder an und machte sich auf in Richtung Marktplatz, wo jetzt wahrscheinlich die ersten Händler ihre Stände aufbauten. Vielleicht würde ja was für ihn abfallen. 


Sein Tag bestand, wie bereits im ganzen letzten Jahr, aus der Notwendigkeit zu essen. Er freute sich schon auf morgen. Auf den Freitag. Freitags gab es immer die Speisung der Armen. Jeder bekam da einen ganzen Teller voll heißer Suppe, in der manchmal sogar richtige Fleischstückchen schwammen. Der Priester, der die Suppe verteilte war ein Heiliger, ein richtiger Heiliger, der, wie in der Bibel, alles dafür tat, so viele hungrige Menschen wie möglich zu sättigen. 


Der Junge kannte die Stelle in der Bibel, die Speisung der 5000. Seine Mutter hatte ihm früher immer aus dem großen Buch vorgelesen. Früher, als noch alles gut war. Als es noch Frühstück und ein Bett für ihn gab. Und seine Mutter. Er schaltete schnell den Kopf ab, bevor er heulen musste. Männer heulen nicht und er würde mal ein ganzer Kerl und mutig und stark werden, kämpfen und reich sein.


Grade, als er traumversunken den Marktplatz erreichte, sah er ihn. Den Heiligen, den gebrechlich aussehenden, stets milde lächelnden alten Mann in der weißen Kutte, dessen schlohweißes Haar wie ein Heiligenschein von seinem Haupt abstand und der sein Leben den Armen gewidmet hatte und auf wunderbare Weise dafür sorgte, dass all die Bedürftigen wenigstens einmal in der Woche eine gute Suppe bekamen, ganz gleich, wie elend, kaputt, zerlumpt und dreckig sie waren. 


"Komm zu mir, mein Kind. Du siehst so hungrig aus. Ich glaube, ich habe noch etwas Kuchen von gestern im Haus", sagte der Alte fröhlich und seine freundlichen Augen leuchteten. Da leuchteten Augen des Jungen ebenfalls auf. Kuchen. Ein Wort, das schon fast vergessen war. Eine vage Erinnerung, wie die Umarmung seiner Mutter. 


"Aber zuerst nimmst du ein gemütliches Bad, was meinst du?" Auch diese Frage klang wohlmeinend und der Knabe schämte sich beinahe sofort des Funkens von Misstrauen, der versuchte, in seinem Hinterkopf zu flackern. Nun, er wusste ja, dass er wahrhaftig stank. Und wenn der klapprige Greis wirklich irgendwie unsittlich versuchen sollte, ins Badezimmer zu kommen, dann würde er eben einfach abhauen. Er war schließlich fit und flink. Und Heilige taten sowas sowieso nicht.


Der heilige Mann ließ ihm ein gut temperiertes, nach Kräutern duftendes Bad ein und verschwand dann summend ins Nebenzimmer. Der Junge ließ sich in den Duft sinken, genoss die halbe Stunde im wohligen Nass zutiefst und schrubbte sich anschließend pflichtschuldig sauber. Schließlich stieg er aus der Wanne, ließ das grau gewordene Wasser ab und wickelte sich in das große, ein bisschen fleckige, aber frisch gewaschen duftende Handtuch, das ihm bereit gelegt worden war. Als er so umwickelt und vor Sauberkeit glänzend die altmodische Küche des Heiligen betrat, wartete dort schon eine dampfende Tasse heißer Milch und ein Teller mit zwei Kuchenstücken auf ihn.


"Tausend Dank, Vater", murmelte das Kind andächtig und schob, wie es seine Mutter erwartet hätte, gleich nach: "Ich helfe auch gern bei der Armenspeisung morgen, wenn Sie wollen."

"Das ist eine ausgezeichnete Idee, du bist ein guter Junge und wirst uns ganz gewiss eine große Hilfe sein. Aber jetzt lab dich erstmal und dann kannst du dich gründlich ausruhen", antwortete der Mann mit gütigem Zwinkern und sah zu, wie der Kleine mit verzücktem Gesicht den altbackenen Kuchen in die warme Milch tunkte. 


Dieser Geschmack! Süß, wie ein Engelskuss, dachte der grade, da legte sich ihm von hinten sanft und sehr väterlich die Hand des alten Mannes auf die Schulter. Was für ein Glück er doch hatte, schoss dem Knaben durch den Kopf. Vielleicht konnte er hier übernachten. Ja, vielleicht sogar hier bleiben. Vielleicht. Der Junge merkte fast nicht, wie das scharfe Messer in der rechten Hand des Heiligen durch seine linke Halsschlagader glitt.


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Kommentare zu diesem Text


 Saira (08.01.26, 13:33)
Hallo Isaban,

deine Geschichte hat mich vor allem deshalb so getroffen, weil sie sich Zeit nimmt, Vertrauen entstehen zu lassen. Der Junge fühlt sich sehr nah an ... nicht wie eine Figur, sondern wie jemand, den man instinktiv schützen möchte.

Dass das Ende dann so kalt und unerklärt kommt, ist erst einmal hart. Für mich liegt darin aber genau die Stärke des Textes: Er zeigt, wie gefährlich Machtgefälle und der Glaube an vermeintliche Güte sein können, gerade für die Schwächsten.

Das ist schwer auszuhalten, fügt sich aber literarisch schlüssig und sehr stimmig in das Thema „Allzu Menschliches“ ein.

LG
Saira

 DanceWith1Life (08.01.26, 18:09)
Ich schätze, eine Themengruppe , allzu teuflisches wäre angebracht.

 Hannes (08.01.26, 20:44)
Puh !
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