Mein Sohn,
du gehst durch Jahrzehnte,
die ich einst wie ungeöffnete Briefe
in der Zukunft ruhen sah.
Die Tage liegen auf deinen Schultern –
ein Mantel,
in dem Stunden leise weiterglühen.
In deinen Augen
wohnt Klarheit,
tief verwurzelt,
wo Verantwortung spricht
und Liebe bleibt.
An deiner Seite sie, deine Frau,
die das Unsichtbare liest,
den Raum betritt
und alles wandelt,
was ihre Nähe berührt.
Wie ein Garten,
der Ordnung findet
und zugleich wild bleibt,
der Stürme kennt
und Blüten trägt.
So wächst eure Welt –
behütet, offen,
getragen von einem Verstehen,
das tiefer reicht als Worte.
Sie trägt Licht,
verwandelt es,
lässt es hindurchgehen,
bis es wärmer zurückkehrt,
weicher, menschlicher.
Wo du gehst,
entzündet sich Leben –
wo sie ist,
findet es Form
und einen Ort zum Bleiben.
Zwischen euch:
eure Kinder, kleine Sonnen,
die ihre Bahnen ziehen
und doch nach euren Händen greifen,
als hielten sie die Welt
für etwas Zerbrechliches.
Draußen zittert die Erde,
hält Rauch im Atem
und Narben aus Feuer.
Doch hier,
im Kreis eurer Nähe,
beginnt ein anderes Gesetz:
Ein Lachen
ist stärker als ein Schuss,
ein gepflanzter Baum
Antwort auf jedes Wort,
Hände, die halten,
vermessen die Welt neu.
Ich sehe euch
wie eine Jahreszeit,
unerschütterlich –
ein Frühling,
der den Winter nicht als Ende glaubt.
Ich wünsche euch Erde,
die atmet wie ein ruhendes Tier,
Flüsse, die Geschichten tragen,
Wälder, die singen –
frei und ungebrochen.
Euren Kindern wünsche ich Himmel,
nicht zerrissen von Sirenen,
sondern beschrieben von Vogelflügeln –
leichte Schrift aus Leben,
die niemand mehr als Warnung liest.
Und Menschen,
die einander erkennen,
im Gesicht des Anderen,
nicht als Grenze,
sondern als Heimkehr.
Mein Sohn,
du hast das Feuer weitergetragen,
ohne es zu verlieren.
Und sie, deine Frau –
hat ihm Richtung gegeben,
Raum, Atem,
hat aus Glut eine Flamme geformt,
die nicht verbrennt,
sondern wärmt.
In euren Kindern glimmt es –
ein Versprechen, das bleibt.
Ich stehe am Rand der Zeit,
sammle Augenblicke wie Samen
und lege sie euch in die Hände:
Macht daraus eine Welt,
in der das Morgen
kein Fremder ist,
sondern ein Kind,
das man willkommen heißt.
©Sigrun Al-Badri/ 2026