Krater morbiden Scheins

Text zum Thema Existenz

von  RainerMScholz

Tief in den krüppeligen Gruften meines Quarzherzens schleicht eine fahle Kreatur umher, sie trägt eine schwarzes Licht strahlende Laterne, die das Nichts erleuchtet, das noch viel tiefer geht als alles, was ich nie gesehen.

Wenn das Onyx zersplittert, schneidet es mein Fleisch in Stücke. Dann kommt der Fahle endlich hervor, er wird die Menschen sieden, pfählen und kreuzigen, und die Welt wird sehen.

Am Ende der Tage strahlt die schwarze Sonne, sie zersengt diesen blauen Steinklumpen mit seinen Lebewesen.

Aber noch ist es nicht soweit. Das Schwarz ist eingeschlossen in mir. Ich höre das Flüstern tonloser Stimmen, das Schlurfen unnahbarer Schritte, das mundlose Atmen.

Grollend spült das Meer die Wogen an den Strand, die Kiesel rollen und der Himmel zieht sich zu. Am Horizont: Totenschiffe, gestrichene Segel, gurgelnder Diesel, Motoren, die ins Leere laufen. Skelettierte Möwen in den Graulüften. Felsen, Landstriche, gefallene Dörfer bedecken die Ufer des nachts. Steifknochig gehen die Lebenden in den Schuhen der Toten. Ich esse Blüten.

Wenn ich nackt durch die Tannen renne, winkt am Waldsaum die fahle Gestalt. Ich fessele die Freunde der Bäume an die knotigen Stämme und ziehe ihnen die Haut ab. Die Liebe kennt keine Grenzen und keine Gebote, keine Moral, keinen Gott. Rot sammelt sich zu seengroßen Lachen, die die Wurzeln saugen werden. Und sie lächeln. Pilze so groß wie Köpfe entwinden sich den moosigen Böden. Ein strahlender Vollmond lacht aus dem Nachthimmel, der nie endet, gleichgültig, an welchem Ort des Alls wir uns befinden mögen.

Sollte mein Onyxherz zerbersten, und es wird geschehen, ist er frei, der Fahle, der nur schläft und das Vergessen bewacht, das Ungewollte, das schwarze Schöne all des Grauens, das Wunderbare nie enden wollender Tortur, das Antidot.

Etwas wird schon überleben, und ich freue mich tief in mir. Im Dunkel, im Schwarz, im Onyxspiegel, im Glitzern der Klinge des Messers. Das ist das Herz meines Herzens. Es ist verdammt.

Auf Wiedersehen.



© Rainer M. Scholz



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