Die Toleranz - ein hübsches Fähnchen im Wind

Anekdote zum Thema Normen und Werte

von  eiskimo

Monsieur Criard ist genervt von Leuten mit Rollkoffern. Wo er wohnt, gibt es zwei Hotels und ein Youth Hostel. Und der Bürgersteig vor seinem Haus ist grob gepflastert, dann folgt noch eine Treppe…  Der Versuch, die Stadt zum Glatt-Teeren dieses Weges zu bewegen, scheiterte. Monsieur Criard  hat deshalb auf die Straße vor seinem Haus in dicken weißen Lettern zwei Zeilen geschrieben, quer über die Fahrbahn:

Les trolleys,  non, merci!                                                                                                          

Folge: Gar keine. Die Touristen tackern munter weiter bei ihm vorbei, gerne auch in Gruppen.

 

Monsieur Criard hasst die schrecklich lauten Motorräder, vor allem, wenn sie nachts um sein Viertel herum dröhnen. Beschwerden bei der Gendarmerie mitsamt eindeutiger Videoaufnahmen verliefen im Sande. Erneut hat er deshalb auf der Straße vor seinem Haus den Pinsel eingesetzt und in dicken Lettern geschrieben:

Les motos, non, merci!                                                                                                                   

Folge: Gar keine. Nie waren Motorräder so präsent und laut wie jetzt.

 

Monsieur Criard mag keinen Hundekot. In seinem Viertel nimmt die Zahl der Hunde kontinuierlich zu. Selbst wenn etliche Hundebesitzer inzwischen den Kot ihrer kleinen Lieblinge entfernen – es gibt auch die anderen, deren Motto weiter heißt: Laissez-Faire. Wieder versuchte es  Monsieur Criard auf dem Amtswege. Ohne Wirkung. Wieder war er es satt. Er griff  erneut zum Pinsel und schrieb: :

Le caca, non, merci!                                                                                                                     

Folge: Gar keine. Immer wieder zieren sie den Bürgersteig, die appetitlichen Häufchen.

 

Monsieur Criard fühlt sich missachtet, ja, abgehängt. Deshalb hat er jetzt einen letzten Versuch gestartet, eine Gesamtabrechnung mit der unendlichen Großzügigkeit quasi, in der er seine ganze Enttäuschung über die Behörden hinein formuliert hat:

La tolérance, non, merci!                                                                                                             

Folge?  Olala. Diesmal tat sich was. Ein Nachbar, der Monsieur Criards Pinselaktionen beobachtet hatte, zeigte ihn tatsächlich an. Und das Ordnungsamt hatte nichts Eiligeres zu tun, als ihn wegen Störung der öffentlichen Ordnung hart zu bestrafen. Nein, null Toleranz!


Was Monsieur Criard nicht bedacht hatte: Behörden können erstaunlich intolerant, ja, richtig rege werden, wenn sie ohne personellen und zeitlichen Aufwand Handlungsfähigkeit vorspielen können.
Und da war er mit seiner Eigenmächtigkeit das ideale Opfer, sozusagen frei Haus.

 



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Kommentare zu diesem Text


 Juli (02.08.26, 10:29)
Gut beobachtet, der eiserne Grundsatz der Behörden heißt, 
keine Unbequemlichkeit für Bedienstete oder gar Beamte. Die wollen ein perfekt ausgefülltes Formular, dann wird es, egal was, durchgewunken.

 AchterZwerg (02.08.26, 11:11)
Wie gemein! Denn allein

Le caca, non, merci!
besticht duch sprach- und farbliche Brillanz.  :P
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