Unerbittliche Götter

Erörterung zum Thema Religion

von  loslosch

Desine fata Deum [= deorum] flecti sperare precando (Vergil, 70 v. Chr. bis 19 v. Chr.; Aeneis). Lass ab, dir Hoffnungen zu machen, die Beschlüsse der Götter durch Bitten und Beten noch abzuwenden.

Meist lag in der Antike die Betonung darauf, die Götter zu besänftigen oder gegeneinander auszuspielen. Nicht so zahlreich sind also die Sprüche, in denen der allgemeine Fatalismus dominiert. Doch immer wieder bricht er durch, auch schon Jahrhunderte vorher, z. B. bei Plautus (2./3. Jh. v. Chr.) in der Komödie Captivi: Di nos quasi pilas homines habent. Die Götter benutzen uns quasi als Spielbälle. Solche Sprüche über die Götter zuhauf würden dem Beten den primären Impuls nehmen, und das durfte einfach nicht sein. Das Christentum mit seinem Heilsversprechen stieß hier in eine gewisse (Markt-)Lücke, stillte die unerfüllten geheimen Wünsche und Hoffnungen der Sterblichen. In der sog. aufgeklärten Gegenwart hat sich diese Einstellung nicht gravierend gewandelt. Ängste, Nöte und Sorgen sind ein steter Quell für religiöse Eingebungen, Erleuchtungen und Beglückungen. Damit vermochte Vergil in einer stark fatalistisch geprägten Epoche nicht verlässlich zu dienen.

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Kommentare zu diesem Text

P. Rofan (44)
(13.07.14)
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 loslosch meinte dazu am 13.07.14:
vergil hat so eine art röm. bibel (schöpfungsgeschichte) geschrieben. hatte er kleine stadtschreiber, die ihm versatzstücke lieferten? ich hätte auch gerne zulieferer...

 EkkehartMittelberg (13.07.14)
Ich gestehe, dass ich nicht wusste, dass Vergil, der Schöpfer des pius Aeneas, auch so fatalistisch geschrieben hat.
Ich lerne viel von dir.

 loslosch antwortete darauf am 13.07.14:
aus dem lateinforum vor 6 jahren:

Aeneis, 6. Buch:
'unde haec, o Palinure, tibi tam dira cupido?
tu Stygias inhumatus aquas amnemque seuerum
Eumenidum aspicies, ripamue iniussus adibis? 375
desine fata deum flecti sperare precando,
sed cape dicta memor, duri solacia casus.
nam tua finitimi, longe lateque per urbes
prodigiis acti caelestibus, ossa piabunt
et statuent tumulum et tumulo sollemnia mittent, 380
aeternumque locus Palinuri nomen habebit.'

deum=deorum. ich werde das in den text einbauen. jetzt erst sehe ich, dass es hexameter sind.

nach meinen parforceritten durch die antike weiß ich, dass nur selten geschlossene weltbilder vorlagen. seneca war ein geschmeidiger stoiker, cicero ein ausgemachter eklektiker usw.

 TrekanBelluvitsh (13.07.14)
Die griechischen Götter sind da ein gutes Beispiel. Die leben ja auf dem Olymp. Die dünne Luft ist einfach schlecht fürs Denken. Bergsteigerkrankheit eben. Laut Wikipedia sorgt die für " Schwindel, Benommenheit, Ohrensausen und Schlafstörungen." Das würde einiges erklären...

 loslosch schrieb daraufhin am 13.07.14:
zum weiteren zitat von plautus: di (=dii) nos quasi pilas homines habent. heute würde ich freier übersetzen: "die götter jonglieren mit uns menschen." es fehlt nur ein kleiner schritt zu der einsicht: wir menschen mit unseren (todes-)ängsten verbauen uns mit unserer eigenen fantasie den weg zu einem befreiten umgang mit der thematik eigener endlichkeit.
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