Ein göttlicher Denkzettel

Erzählung zum Thema Glaube

von  Bluebird

Illustration zum Text
(von Bluebird)
Ein paar Tage nach der Taufe erzählte ich davon im Hauskreis
    Dann  könntest du ja eigentlich auch Mitglied der Jesus-Hausgemeinde werden“, sagte Silke zu mir. Ich schaute sie fragend an: "Wieso?" "Nun," sagte sie, "die Erwachsenentaufe ist eine Vorbedingung, die du nun ja erfüllst! Dann musst du aber auch den Zehnten regelmäßig bezahlen.“ fügte sie hinzu „Den Zehnten?“, fragte ich zurück. „Den zehnten Teil deines Einkommens musst du dann der Gemeinde geben. Ist biblisch!“
    Eigentlich hatte ich mich die ganze Zeit auch so zum Jesus-Haus zugehörig gefühlt und über so etwas wie eine offizielle Mitgliedschaft überhaupt noch nicht nachgedacht. Aber warum eigentlich nicht? dachte ich und überschlug kurz was der „Zehnte“ für mich bedeuten würde. 90 DM! Nicht gerade wenig für einen Studenten. Blieben etwa 500 DM für den Lebensunterhalt. Würde aber genug sein, ich lebte eh nicht auf großem Fusse!

Als ich am nächsten Tag im Gemeindebüro nachfragte, sagte Eva: „Übermorgen ist Gemeindeversammlung. Da könntest du schon offiziell in die Gemeinde aufgenommen werden.“ Ich zögerte: „Und wann wäre die nächste Möglichkeit?“ fragte ich nach. „Dann erst einmal wieder in einem Monat! Überleg es dir!“
    Das tat ich dann auch, konnte mich aber nicht zu einer sofortigen  Mitgliedschaft durchringen. Das ging alles ging mir ein wenig zu schnell und so einen direkten Vorteil einer Mitgliedschaft war für mich auch nicht erkennbar. Und die 90 DM sind auch kein Pappenstiel! dachte ich.  Und vertagte das Thema erst einmal.

Am nächsten Tag besuchte ich um die Mittagszeit herum Michael, den Esoteriker. „Du, ich habe überhaupt keine Zeit, ich muss gleich los in die Stadt.“ „Kein Problem“, sagte ich, „dann können wir ja ein Stück gemeinsam fahren.“
    Was sich allerdings als keine so gute Idee erwies. Michael war ein recht durchtrainierter Fahrradfahrer und legte ein ziemlich hohes Tempo vor. Eine  offensichtliche Herausforderung zu einer kleinen Wettfahrt! Ich, eher der gemütliche Fahrradtyp, wollte jetzt auch nicht "kneifen" und setzte zur Verfolgungsjagd an.
    Zu allem Überfluss fing es plötzlich auch noch an zu regnen. Wohl um ein wenig Schutz vor dem Regen zu haben bog Michael auf einen holprigen, mit Laub bedeckten  Waldweg ein. Von da an ging es, in immer noch hohem Tempo, über Stock und Stein … ein ziemlicher Unfug, aber wenn Jungmannen sich erst einmal in ein Duell verstrickt haben ....

Nach etwa einer Viertelstunde war der Waldweg zu Ende. Ich hatte nur unter Aufbietung aller meiner Kräfte eingermaßen Anschluss halten und einen Sturz vermeiden können. Jetzt stand ich schwer atmend neben Michael. Der sagte lässig: „Ja, ich muss jetzt Richtung Bilk. Also tschüss!“ „Ja, tschüss!!“, sagte ich, stieg vom Fahrrad und sortierte mich erst einmal.
      Auf einmal merkte ich, dass etwas fehlte. Mein Portemonnaie! Eine Schrecksekunde! Ich war mir sicher, dass ich es nach einem Einkauf kurz zuvor in die hinteren Hosentasche gesteckt hatte. Es war weg.  Hastig durchsuchte ich meine Jackentaschen und den Rucksack. Mist. dachte ich, ich muss es bei diesem blödsinnigen Rennen irgendwo auf dem Waldweg verloren haben.

      Ich überlegte, wieviel Geld drin gewesen war. Kurz zuvor hatte ich in einem Supermarkt etwas eingekauft und mit einem Hundertmarkschein bezahlt. Also waren etwa 90 DM im Portemonnaie gewesen. 90 DM? Moment mal. Dass ich ja die gleiche Summe wie mein Zehnter für das Jesus-Haus!
    Und mit einem Mal begriff ich, dass dies alles wohl kein Zufall gewesen war, sondern eine Botschaft darin für mich verborgen war.

Das Ganze hatte einen gefühlten Denkzettel-Charakter. Mein Zögern bezüglich Gemeindebeitritt: 90 DM sind kein Pappenstiel schien in höheren Gefilden nicht unbedingt auf Zustimmung getroffen zu sein. Von mir wurde da wohl eher klare Kante erwartet.
    Ich überlegte kurz, ob ich den Waldweg zurückfahren und das Portemonnaie suchen sollte. Aber ließ es dann doch bleiben. Ich war einfach zu erschöpft und die Wahrscheinlichkeit, es zu finden, schien mir nicht allzu hoch. Angesichts des vielen Laubs wäre es Suchens der berühmten  Stecknadel im Heuhaufen. Außerdem waren auch immer vereinzelte Spaziergänger mit Hunden dort unterwegs, was die Wahrscheinlichkeit des Wiederfindens weiter reduzierte.

Langsam schob ich mein Fahrrad Richtung Jesus-Haus und begab mich dann ins Gemeindebüro.
    „Hallo, Eva“, sagte ich, „du, ich hab es mir überlegt. Ich möchte doch schon morgen der Gemeinde beitreten.“ „Schön“, sagte sie, Sie holte einen Mitglliedsantrag aus einer Schublade hervor und reichte ihn mir. Ich gab ihn ihr wenig später ausgefüllt zurück „Ja, dann bis morgen Abend zur Versammlung“, sagte sie lächelnd.


Anmerkung von Bluebird:

Folge 16 meiner autobiografischen Kurzgeschichten-Sammlung und Fortsetzung von meiner autobiografischen Bekehrungsgeschichte  hier aus dem Jahre 1985

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