Meine Reihe über Reihenhäuser - Schluss

Roman zum Thema Nachbarschaft

von  eiskimo

Meine Reihe „Meine Reihe über Reihenhäuser“ muss – meine Schuld ist es nicht -  leider mit dem hier vorliegenden Kapitel vorzeitig enden.
Ich bedauere das sehr. Aber da ich selber in einem der beschriebenen Häusern wohne und mich tagtäglich in diesem Mikrokosmos bewege, kommen mir die Menschen hier und ihre Geschichten inzwischen einfach zu nahe.
Nicht, dass meine Nachbarn mich hier als schreibenden Paparazzo entlarvt und deshalb irgendwie bedroht hätten. Nein. Der Druck kam aus der Leserschaft.
Meine als Fortsetzungsroman veröffentlichten Beobachtungen sind in den Foren nämlich aufmerksam gelesen und recht intensiv kommentiert worden. Und einige passionierte Leser/innen haben sich derart mit dieser Reihen-Vita identifiziert, dass sie mich mit ganz konkreten Ideen und Vorschlägen bedrängten. Eigentlich waren es aber nur Vorwürfe, die ich mir da gefallen lassen musste.
Warum wir die koreanischen Nachbarn nicht einfach mal eingeladen, ihnen Deutschunterricht gegeben und dem Sohn bei den Schulproblemen unterstützt haben, ereiferte sich da eine Frau.
Was wir gegen Hippies und fröhliche Partys hätten, wollte jemand anders wissen.Wir seien da ja nur neidisch., weil „total verklemmt“.  Und wie arrogant ich gegen die Messis in Hausnummer 16 eingestellt wäre – statt mal freundlich mit ihnen zu reden, „in einem konstruktiven Dialog“, wie es da hieß. „Nur hinterm Vorhang spinxen und herum lästern – pfui!“
Nein, ich konnte schon kurz nach Erscheinen meiner Roman-Kapitel nicht mehr unbefangen aus dem Haus treten. Prompt traf ich eines meiner „Opfer“, prompt plagte mich ein schlechtes Gewissen, prompt war ich verleitet, diesen Leuten dann mir völlig zuwider laufende Nettigkeiten vorzuspielen. Ich hatte ja diese neunmalklugen Leserbrief-Menschen im Nacken.
Wie schön war es doch vorher gewesen: Ich hatte von meinen Nachbarn ein bestimmtes Bild, es war eher grob und ohne Hintergrund, aber damit ließ es sich prima leben, elegant aneinander vorbei. Unbefangen.
Mit meiner Neugier und den vertieften Recherchen änderte sich das. Da ist eine ganz andere menschliche Präsenz erwacht. Ich bin viel mehr betroffen, und ganz klar ist mir: Ich müsste all diesen Menschen viel mehr Zeit widmen.
Ich ziehe also zurück. Ich ziehe mich zurück, vor allem, weil es bequemer ist.
Bevor ich aber gänzlich wieder in meinem Reihenhaus mit der Nummer 12 abtauche, sozusagen neu isoliert, muss ich wenigstens andeuten, was in den Kapiteln sieben und acht gestanden hätte:
Das verkehrte Leben von Karl-Heinz Joris, frühzeitig pensionierter Studienrat für Latein und Katholische Religion, schwul. Ich habe erfahren: Der Mann arbeitet für eine wissenschaftliche Zeitschrift von höchstem Rang und hat sich einen Namen gemacht in der Kirchengeschichte des Mittelalters; er gilt als Deutschlands Koryphäe für historische Texte in Vulgärlatein. So verkehrt ist das nicht.
Und die Dame mit dem knatschgelben Alfa ist beileibe keine Luxus-Prostituierte. Nein, sie ist Produzentin beim Privatfernsehen. Sie macht dort mit großem Erfolg Reality-Shows für das Nachmittagsprogramm und … Erotik-Clips für den späten Abend.
Ich kann mein kleines Roman-Projekt also getrost hier beenden. Und wer sich mehr  „sex, crime and rock´n roll“  erhofft hatte – tut mir Leid: Es ist alles in braver Ordnung bei uns in der Reihenhaus-Reihe  10-22.. Und so darf es auch gerne weiter bleiben.


Anmerkung von eiskimo:

Die Realität als Romanstoff ist belastender als das Fiktionale

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Kommentare zu diesem Text


 Regina (13.04.20)
Vorher überlegen, in andere Form kleiden, Verhalten nicht moralisch werten, sonst kommt zurück, wie du wahrgenommen wirst. LG Gina

 eiskimo meinte dazu am 13.04.20:
Du sagst es kurz und knackig - ich hab dafür länger gebraucht.
lG
Eiskimo

 AchterZwerg (13.04.20)
Mir gefiel die Reihenhausreihe gut.
Abenteuerliches reihte sich an "Normales" und der Gesamteindruck war durchaus kurzweilig.

Liebe Grüße
der8.

 eiskimo antwortete darauf am 13.04.20:
Danke. Für mich war es eine intensive (Selbst-)Erfahrung.
Manches begleitet mich jetzt weiter und lässt sich nicht einfach zurück verdrängen.
Oder anders ausgedrückt: Schreiben verändert die Welt (zumindest im Kleinen)
lG
Eiskimo

 Dieter_Rotmund (13.04.20)
Gerne gelesen, aber was ist "spinxen"?

 eiskimo schrieb daraufhin am 13.04.20:
Heimlich gucken...
Stelzie (55)
(13.04.20)
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 eiskimo äußerte darauf am 13.04.20:
Ich freue mich jetzt erst recht über Deine Rückmeldung.
LG
Eiskimo

 AZU20 (13.04.20)
Ja, es ist garnicht so einfach, die Wahrheit zu schreiben. Schade. LG zum Ostermontag
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