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Kurzgeschichte zum Thema Alter

von  RainerMScholz

Da sitze ich nun am Ende meiner Tage zwischen all dem Gerümpel und dem Abfall, den leeren Konserven und der Strom ist längst schon abgestellt; draußen dämmert es, die verwelkten Blätter fallen von den Bäumen und übrig bleiben nur die schwarzen, vor Feuchtigkeit glänzenden nackten Gerüste. Ich wusste erst gar nicht, wie mir geschieht, ich lebe nun fünfunddreißig Jahre in diesen Räumen mit Blick auf die grauen Steine gegenüber. Aber ich ziehe nicht mehr fort. Da haben sie sich geschnitten. Ich habe versucht mich zu wehren, doch es war vergeblich und mir fehlt auch die Kraft. Mein Entschluss steht dennoch fest. Hier gehe ich nicht mehr weg.

Gertrud hätte das auch nicht gewollt, wir haben unser ganzes Leben hier zugebracht. Bis sie starb. Am Schluss wog sie wohl zwei Zentner, das hat sie selbst gesagt, mit dem ganzen Wasser in den Beinen und den Medikamenten in ihrem Körper.

Wir haben uns geliebt. Wie man seine Frau eben lieben soll. Gehasst und geliebt, möchte man sagen. Ich liebte sie. Und dann war sie fort. Vier Mann haben ihre Pritsche nach draußen tragen müssen, auf der sie leblos lag. Ich habe es gar nicht gleich gemerkt, aber in der Nacht, da hat sie aufgehört zu atmen.

Die Kinder sind auch lange weg. Was soll ich da groß erzählen. In diesen Hasenbau wäre ich wohl auch nicht gerne zurückgekehrt. Yvonne ist sogar in den Staaten, und Thomas – ich weiß es nicht. Weihnachten kommen Grußkarten, auch von den Enkeln von drüben, die ich nur von Bildern kenne.

Oft gestritten haben wir. Die Nachbarn haben mit Besenstielen an die Zimmerdecke geklopft. Na ja. Aber wir haben auch Ausflüge unternommen, haben gelacht, Geburtstage gefeiert, zusammen gespielt und gezankt und zusammen gesungen. Na ja. Gertrud und ich, wir haben unsere beiden Kinder auf die höhere Schule geschickt. Thomas hat es dann nicht geschafft. Ich weiß nicht. Er war immer anders. Mehr wie sein Vater vielleicht.

Dann kam die Kündigung. Räumungsklage. Und ich dachte: Wo soll ich denn hin? Ich gehe nicht weg. Ich bleibe hier sitzen zwischen den grünen und ockerfarbenen Rauten, den gemaserten, umgedrehten französischen Lilien. Das hat mir nie gefallen. Die Tapete hat Gertrud noch ausgesucht und ich habe sie an die Wand geklebt, mit einem selbstgefalteten Zeitungsmalerhut auf dem Kopf. Davon gibt es sogar noch Fotos. Wie jung wir waren und wie fröhlich.

Draußen wird es dunkel und hier drinnen auch. Der Strom ist abgeschaltet. Ich bin noch nicht fertig mit denen. Noch lange nicht. Na ja. Aber heute noch nicht. Ich habe noch etwas auf Lager, bevor der Deckel zugeht. Ich bin noch nicht fertig. Und ich werde bestimmt nicht fortgehen.


Viel später öffneten zwei Beamte in klobigen, schwarzen, schusssicheren Westen die Eingangstüre. Ungeziefer lief über den grauen verschrammten Linoleumboden und zwischen den Dosen und Konserven herum. Der Gestank war unerträglich und der Mann und die Frau in den Uniformen drückten sich Taschentücher vor die Münder. Der abgemagerte Leichnam lag im Bett, das graue Gesicht war eingefallen bis auf die Knochen, dass der Kopf zu grinsen oder die Zähne zu blecken schien, die Augenhöhlen starrten leer. Der Tote hatte noch Hausschuhe an mit graubraunem Karomuster, ansonsten war er nackt. Er lag ganz gerade da, als hätte er gewartet, vielleicht, als würde er auf Zuruf aufstehen und an die Tür kommen.

Die Beamten ließen die Leiche abtransportieren und inspizierten den Wohnraum. An allen Wänden, auf der Tapete, den Kacheln, dem blanken Mauerwerk stand in großen Lettern

REGEN + SONNENSCHEIN FÄLLT AUF DAS KLEINSTE SCHWEIN.

Alle Schriftzüge waren mit menschlichem Kot geschrieben, wie sich bei genauerer Betrachtung herausstellte. Die Beamten fotografierten alles. Sie gaben eine Meldung per Funk durch. Dann schlossen sie die Tür hinter sich.



© Rainer M. Scholz



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Kommentare zu diesem Text


 AchterZwerg (23.11.21, 06:47)
Trostlos super!

Mich überzeugen hier ganz besonders die Details, beispielsweise die scheußlichen Tapeten und die Karo-Hausschuhe ...
Im historischen Museum gab es mal eine Ausstellung über die Wohnkultur der späten 50er bis frühen 60er; dort sah es genauso wie bei deinem Protagonisten aus - und wie  bei meinen Eltern. Bis hin zu den Vorhängen ...

Nostalgische Grüße
der8.

 RainerMScholz meinte dazu am 23.11.21 um 20:32:
Nostalgie -
ich vergiss dir nie.
Und Ted Herold ist auch in den Rock`n Roll-Himmel aufgestiegen.
Gruß + Dank,
R.

Antwort geändert am 23.11.2021 um 21:13 Uhr
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