Neujahr, früh

Gedicht zum Thema Beobachtungen

von  Saira

Der Tisch ist derselbe
seit fünfunddreißig Jahren,
nur die Kratzer
sind tiefer geworden.

Manche davon
kennen ihre Gründe.

 

Hinnerk sitzt schon da,
die Zeitung ungeöffnet.

Neuigkeiten
brauchen bei ihm
Geduld.

 

Tjardine rührt den Kaffee.
Der Löffel berührt den Rand
genau dreimal.
Nicht weniger.
Nicht mehr.

Gewohnheiten
brauchen klare Grenzen.

 

„Die Jungen“, sagt Tjardine,
„hatten Kugelbomben.“

Sie spricht das Wort
langsam.

„Verboten“, sagt Hinnerk.
Nicht empört.
Erinnernd.

 

Das Martinshorn,
sagt Hinnerk,
sei lange geblieben.

„Zu lange“,
sagt Tjardine.

Der Sanitäter habe gesucht.
„Im Schnee“,
sagt sie.
„Nach dem,
was übrig war“,
sagt er.

 

Man hörte Rufe.
Und den einen Jungen,
der schrie,
als ließe sich Verlust
übertönen.

 

Sie essen.
Langsam.

Mit Pausen,
in denen nichts fehlt
und nichts gesagt werden muss.

Das Kauen hat Vorrang.

 

Hinnerk zählt leise auf,
was sie alles überstanden haben:

zwei Umzüge
(unnötig),

drei Fernseher
(mangelhafte Qualität),

vier Regierungen
(alle gleich laut)

und eine Katze
mit schlechtem Charakter.

 

Tjardine korrigiert ihn nicht,
obwohl es fünf Fernseher waren
und die Katze recht hatte.

Man muss nicht alles richtigstellen.
Manches wirkt länger,
wenn es falsch bleibt.

 

Tjardine hebt die Tasse,
prüft den Rand,
setzt sie wieder ab.

Ein kleiner Makel.

 

„Noch ein Jahr“, sagt sie.
Nicht fragend.
Nicht hoffend.

Hinnerk nickt.

Ein Nicken,
das nichts verspricht
und alles festhält.

Als sei das kein Anfang,
sondern eine
abgemachte Sache.

 

 

 

 

©Sigrun Al-Badri/ 2025



Hinweis: Du kannst diesen Text leider nicht kommentieren, da der Verfasser keine Kommentare von nicht angemeldeten Nutzern erlaubt.

Kommentare zu diesem Text


 eiskimo (01.01.26, 11:26)
Liebe Saira!
Starker Tobak gleich zu Beginn des Jahres. So geschrieben, dass es einen arg berührt. Hoffentlich sind die Paare selten, die einen so tragischen Verlust mitschleppen müssen, von einem Jahr ins nächste.
Umso mehr sollten die sich freuen, die unbeschwert was Neues anfangen können.
Ich wünsche Dir, dass Du zu diesen gehörst
Eiskimo

 Moppel (01.01.26, 12:03)
Manchmal muss man sich an Kleinigkeiten gfesthalten. Und wenn es nur ein Tasse ist... sehr eindringlich und berührend geschriebene Ballade, Saira. lG von M.
Zur Zeit online: