Borderline zwischen Tradition, Aufklärung und Romantik. Nicht alle sind ANTI.
Text zum Thema Philosophie
von S4SCH4
Eine Antiaufklärung kommt mit den Geistern daher, die man mit der Aufklärung selbst rief.
Die Aufklärung – selbst nimmersatt nach Fragen der Vernunft und des Verstandes – wirft allen Entgegenkommenden ein Magnethalsband um, wo sie sie vom Joch der Unaufgeklärtheit befreit bzw. befreien will.
Da niemand gerne rückständig bleibt und weil ein Gegner („Anti“) zur eigenen Denkbewegung eher in den nimmersatten Magen passt als etwas, das aufgrund von ureigenen Gefühlen, Mythen und Traditionen vollkommen unverdaulich scheint, spricht man, wo es um einen solchen Appetit geht, gerne von einem solchen Gegner – statt von einer Gruppe, der das Magnethalsband aufgrund unerklärlicher technischer Umstände nicht angelegt werden kann. Was nicht ins rationale Weltbild passt.
Da seitens der willenlosen Natur keine Hilfe und keine Unbill zu erwarten ist, spinnt sich der Mensch in seinem Sturm und Drang ein passendes Weltbild und fordert zum Beispiel: „Edel sei der Mensch, hilfreich und gut!“, wie Goethe 1783 in „Das Göttliche“, um seine „Aufklärung“ moralisch zu untermauern. Das Magnethalsband wird enger, moralisch aufgeladen und fängt an zu ticken, wo man sich unerlaubt vom Terrain der Aufklärung entfernt.
Wäre die Aufklärung mit ihrer Vernunft und dem ganzen Verstand maßvoller und vor sich selbst verständiger, dann wüsste sie um die kraftvolle, dunkle Seite ihrer Macht – die zuerst nicht nur Naturvölker, sowie jahrtausendealte Mythen und Traditionen mit ihren rationalen Argumenten das Joch abnehmen will, sondern gleich noch einen romantischen Bypass zu jener Natur zurücklegt (in der anschließenden „Romantik“), um im Folgenden möglichst Alles von kräftigen „Türstehern der Aufklärung“ abzunehmen, die beispielsweise sogenanntes „Ur-Wissens“ deklarieren, vereinnahmen und abnicken; mit angelegtem Magnethalsband versteht sich.
Alles, was im Folgenden nicht in die Vitrinen der Aufklärung passt, wo Türsteher die Aufmachung verweigern, wird und bleibt ein Gegner „antiaufklärerisch“. Dass sich in diesem Becken auch wirklich hässliche Gestalten tummeln können – etwas, das nicht nur durch das Sieb der Aufklärung fiel –, nährt im Folgenden die Fürchterlichkeit dieser „Gegenbewegung“ und ist ein Beispiel für das darin liegende Monster; selbst verbleibt man aufklärerisch fein und sinnig und auch feinsinnig, auch wenn man den schmalen Grat zwischen Irrtum (sowohl einen möglichen Irrtum der Aufklärung, als auch den der jochtragenden Denkweisen) und Widerstrebung (tatsächlich antiaufklärerisch) mit ziemlicher Breitseite und grob angeht.
Aufklärung heißt eben auch, zu spüren und zu wissen, wann etwas aufgeklärt werden könne, solle, müsse. Nicht selten ist das Ganze grenzwertig, und oft sind es gerade diese Grenzen, die eine Wertigkeit für nachhaltige Aufklärung bilden.