Wildes Dornengewächs von oben und Pflanzenetwas von unten … die Natur machts mir Sandwich auf dem Weg nach Giulianova!
Tagebuch zum Thema Reisen
von S4SCH4
Giulianova hat mich doch tatsächlich empfangen. Nach den ein oder anderen Schwierigkeiten, dazu zähle ich eine auf den Radweg herunterhängende Schlinge mit Dornen (die sich erst später dornig zu erkennen gab und kurz neben meinem Gesicht das T-Shirt zerriss) und einige Krähenfüße, die mich platt legten. Doch der Reihe nach.
Die 30 Kilometer hierher führten zwar auch über ruhige Bahnübergänge und freie Promenaden, aber eben nicht nur. In Grottommare schob ich herunter und ließ mich an weniger steilen Abschnitten rollen, meine Bremsen taten mir leid, vor allem die Hinterradbremse, warum kann ich physikalisch nicht erklären und ich will es gerade auch nicht.
Die ersten 10 Kilometer verliefen okay, durch den Ort, viel hier rechts und da links, eine Menge Verkehr im Allgemeinen, auch gegen halb Zehn bereits. Ich fuhr den Radweg weiter, nichts Besonderes sind die herunterhängenden Arme der Büsche und der Palmen, man schlängelt sich so durch oder nimmt sie mit. Doch genau dieses `mitnehmen´ werde ich zukünftig tunlichst vermeiden, denn nicht weniger Zentimeter neben meinem Gesicht durchfuhr ich eine Ranke mit etlichen Dornen, das merkte ich spät, im Grunde erst, als sich das Gewächs fest in mein Shirt krallte und mich am Weiterfahren hinderte. Ich kam mit dem Schrecken davon, hätte sich das Grünzeug irgendwie verwunden, im Wind oder beim Durchfahren, und wäre mir demgemäß direkt ins Gesicht gekommen, ich wäre wohl auf einem Auge blind und im Gesicht vernarbt. Glück im Unglück. Die Fahrt ging weiter und ich werde mich niemals wieder in beschweren, sollten die orangenen Straßenarbeiter und Baumpfleger den Weg vor mir blockieren und ihre Arbeit verrichten.
In San Benedetto del Tronto stieß ich, wie bereits befürchtet auf ein Verkehr der mich verstörte. Sehr wohl folgt ich der Navigation, doch zweifelte ich ihr in dieser Situation trauen zu können, doch nach kurzen Stopp auf dem Seitenstreifen, während die Autos und Lastautos an mir vorbeirasten, fasste ich mir an Herz und fuhr mit schlotternden Knien die Schnellstraße über den Fluss Tronto hinweg. Heilfroh auf der anderen Seite angekommen zu sein, bog ich bald in einen Verkehrskreisel ein und war der Schnellstraße fürs erste entronnen. Die Abruzzen hießen mich willkommen, der Verkehr wurde ruhiger und ich gelassener.
Dachte ich, ich hätte das ganze Unglück für den heutigen Tag abgewendet, lag ich falsch, denn 10 weitere Kilometer voraus, ich aß ein Stück Focaccia und trank einen Café, kurz: ich machte ein Päuschen, bemerkte ich, nach der Pause, als die Fahrt weitergehen sollte, dass mein Vorderreifen platt war. Ich schaute mich um, wer oder was war dafür verantwortlich, fluchte auf die Umgebung, samt den Menschen (alles Schweine!) und stieg ab, um mich der Lage zu vergewissern, eine Idee über das Weitere zu bekommen.
Aus meinen bockschweren Satteltaschen kramte ich meine Luftpumpe hervor, einen Satz Reifenheber und einen Ersatzschlauch. Ich mochte sehr unglücklich und unbeholfen ausgesehen haben und der liebe Gott hatte wohl demgemäß ein Einsehen, er sandte eine italienische Radfahrercrew, die mir im Folgenden half den Vorderreifen zu wechseln, man zeigte mir den Grund des platten Reifens: ein etwas Stecknadelkopf großes Pflanzenetwas mit einer sich daraus bildenden Nadel. So etwa hatte ich noch nie gesehen, konnte anfangs kaum glauben, dass dies der Grund des verunglückten Reifens sei, bis ich mich, ich saß ja am hinteren Teil des Fahrrads während die Jungs das Vorderrad flickten, am Hinterrad umsah und mir dieses kleine grüne Pflanzenetwas auch im Hinterreifen auffiel. Nach nicht langer Überlegung, eigentlich geschah es ganz automatisch, griff ich das Ding, zog es heraus und hörte es zischen. Ich wusste was geschehen würde, ganz im Gegensatz zu den Zweien, die ebenfalls am hinteren Teil des Fahrrads mit mir standen, verzweifelnd drückte ich den Mantel des Hinterrades um die verbleibende Luft zu prüfen, die Beiden meinten „Bene“, ich sagte „No“, zeigte ihnen die Stelle, aus der die Luft entwich, sie bemerkten es wohl zuerst nicht, erst einige Minuten später gaben sie mir recht und erklärten mir wo die nächste Fahrradwerkstatt sei.
Der Vorderreifen war dagegen bald wieder dicht geflickt und aufgepumpt, der Hinterreifen hingegen platt, doch so musste es bleiben, denn einen weiteren Ersatzschlauch hatte ich nicht dabei. Wir pumpten das hintere Rad so gut es ging auf und man sandte mich unmittelbar mit hektischen Wünschen weiter die Straße hinauf, nach etwas 2 Kilometern sollte dort ein Fahrradladen sein. Ich schob und schob, ging schnell und schneller, doch das Entweichen der Luft ließ sich dadurch nicht bändigen, bald war die Luft raus und ich schob das Fahrrad auf der Felge, die nur noch auf dem labbrigen Mantel auflag. Nach etwa zwei Kilometern fragte ich bei einem Barbieri nach der besagten Fahrradwerkstatt, ich vermutete sie irgendwo in der Umgebung, als ein älterer Herr, der im Frisierstuhl gerade Platz genommen hatte, aufstand und mich einige Straßen weiter und dann nach links schickte, er erzählte dabei etwas von Camping und ich hatte so meine Bedenken. Dennoch bedankte ich mich höflich, wohlwissend es sei nicht die Fahrradwerkstatt über die wir oder er gesprochen hatte(n) und zog die Straße weiter gen Süden entlang. Zwei weitere Kunden aus dem Salon, scheinbar fertig frisiert, sollten mich später noch einmal aus dem Auto heraus anhupen und mich erneut in die Richtung des Campingplatzes dirigieren. Nachdem ich auf den Reifen zeigte und meinte `reparatione bicicletta` verstanden sich mich aber, zeigten mit dem Finger geradeaus und meinten una chilometro. Ich nickte, hoffte sehr es würde sich erfüllen mit dem einen Kilometer und der Fahrradwerkstatt, verabschiedete mich und ging weiter.
Tatsächlich, einen knappen Kilometer weiter fand ich die Fahrradwerkstatt in Tortoreto Lido, sattelte das Gepäck ab, übergab das Bike und hatte es innerhalb einer halben Stunde wieder. Fahrtüchtig. Ich bedankte mich für die gesamte Menschheit (alles Engel), stellvertretend beim Fahrradreparateur und zog weiter.
Die Radwege der Promenade mied ich im Folgenden erstmal, ich vermutete, dass das Pflanzenetwas sich dort auf der Strecke befinden würde, von den Palmen irgendwie oder auch von irgendwelchen Kastanienbaummutationen. So fuhr ich eine Weile auf den Straßen, bis es nicht mehr ging, dann folgte ich wieder den Radwegen, immer mit einem wachen Auge auf das herbstliche Zeug, was auf der Strecke niederlag.
Giulianova ist ein schöner Ort. Meine Unterkunft ist halb Jugendherberge und halb Kloster, ich nahm mir vor etwas über den Ort herauszubekommen, etwas über die Geschichte, wahrscheinlich später, fürs erste will ich erstmal ankommen.
Attenzione alla strade … da liegt Pflanzenetwas!
E cielo … attenzione anche … Dornengestrüpp!
Anmerkung von S4SCH4:
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