Rätselhaft

Text

von  blauefrau

Seit Wochen wohne ich auf dem Areal. Laut Auskunft des Reiseführers soll es hier rätselhaft zugehen.

An den Anblick des Mönchs ohne Gesicht, den Kapuzenmann, habe ich mich gewöhnt.

Was ist schon ein Gesicht, wenn es doch zur Maske wird? Man vermutet Tiefschürfendes hinter Gesichtern. Ohne Gesicht muss ich nichts erahnen. Er spiegelt sich nicht in mir und ich spiegle mich nicht in ihm.  Die große gelbe Schlange allerdings hat ein Spiegelbild.

 Mich interessiert die Oberfläche des Mönchs oder wie er sich bewegt.

Sagen tut er nichts. Selbst wenn ihn die Bewohner foppen, macht er einfach weiter. Er wirkt unberührt, selbst wenn ich mich hinter ihn stelle. Er hört also auch nichts.

Zwischen all den prachtvollen Pflanzen und ihren Früchten nimmt er nichts zu sich. Er arbeitet unentwegt. Unter seinen Händen blühen und gedeihen die Pflanzen, Kaskaden von Farben färben den Garten. Schlangen bewegen sich im Rhythmus seiner Bewegungen, sie gleiten aus ihm heraus und in ihn hinein. Die großé gelbe rückt nicht von ihm ab. Sind sie Geschwister?

Es gibt nichts auszusetzen an ihm. Er bewegt sich rasch und rücksichtsvoll in diesem prachtvollen Garten. Die vielen zarten Augen, die an Fäden schweben, sind ihm zugewandt.

Ich habe nun länger damit zugebracht, mein Gedächtnis zu erforschen, und ich ziehe auch meine Tabellen zur Unterstützung hinzu: ich erinnere mich nicht daran, ihn jemals erschaffen zu haben. Ich bin Gaia, die Erdenmutter.

Ich frage mich ernsthaft, wer er ist. Ich bitte ihn um ein Zeichen, er aber macht ohne jede Regung einfach weiter.

Als ich nach vier Wochen abreise, liegt der Garten brach. Ich habe die rotgewandete Gestalt verschlungen. Kein Wasser mehr für die Pflanzen und keine Spiele für die Schlangen. Sollen sich meine Menschen darum kümmern. Dieser war nicht von meiner Art.



Anmerkung von blauefrau:

Zu dem Bild Why should that mean it´s not real?  von Philipp Kummer aus der Ausstellung "Verborgene Räume" 2026

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Kommentare zu diesem Text


 EkkehartMittelberg (30.03.26, 19:28)
Der Text soll rätselhaft sein. Das ist gelungen.

 S4SCH4 (30.03.26, 19:40)
Rätselhaft, in der Tat. Einfach alles, angefangen beim dem „Areal“, über die „Gesichter“ und Personen bis hin zur erzählenden Instanz selbst. Und erst mit ihrem Outing:
„Ich bin Gaia, die Erdenmutter.“
kommt ein wenig Licht ins Dunkle. Eben diese Feststellung scheint der Erzählperson eine gewisse Leuchtkraft zu geben, denn weitere derartige Erklärungen im Erzählstil sucht man - neben der Beschreibung des Mönches - auf dem das zentrale Interesse der Erzählperson liegt, vergebens; ja, bis auf wenige Ausnahmen. Der Text punktet also mit dem was er titelgebend verspricht und behält diese Aura bis zum Schluss bei. Doch eins nach dem anderen:

Ein Mysteriöser mit grünem Daumen und die Erdmutter selbst also. Ich darf ferner davon ausgehen, dass die Erdmutter nicht gleichgültig den Fähigkeiten des Mannes gegenübersteht und sich gewissermaßen daran erfreut, passiv und staunend und überrascht. Dies aber dezent, fast hinter vorgehaltener Hand, als schütze man sich vor Irrsinn und wandele auf einem schmalen Grat.

Das naturwissenschaftliche Bild der Gaia wird im Text durch die „Tabellen“ angedeutet und lässt so etwas Menschliches oder Metaphysisches erkennen, die Gaia arbeitet also wie es ein menschenähnlicher Gott oder eine vergleichbare höhere Entität wohl täte. Dieses scheinbare ´Detail´ des Textes wird mir im Folgenden wichtig, wenn ich als Leser die Motivation oder Gefühlslage zu ergründen suche mit der ja nun folgendes passiert:

Ohne Reue verleibt sich die Erdmutter den mysteriösen Mann schließlich ein und bleibt gleichgültig ob dem Geleisteten der Person und auch standhaft getreu dem Motto: ´sollen es andere eben machen.´
Klappe zu, Affe tot?

Deutung: Ein Bild, das dem Leser vielschichtiges mitteilt. Zum einen vielleicht, dass die Erde keinen Zauber und keine größere Himmelsbotschaft kennt, sondern sich mit Dingen begnügt, die ihr nahe liegen und die in ihre Konzeption (Tabellen) passen.
Zum anderen ist es die Einverleibung der Natur, die sich alles zu eigen macht, was ihr vor die staunenden wie argwöhnischen Blicke kommt, und auch eine Natur, die weder mosert noch Freudensprünge vollzieht, egal ob nun Atombrennstäbe verrotten müssten oder Wälder natürlich vor sich hinwachsen könnten. Die Erdmutter bleibt also eine Mutter der Wesen, eingebunden nicht passiv und nicht eine urlaubmachende Gafferin höherer Mächte.

Man kann auch sagen: es gibt in der Welt eine feste Rollen (Mutter, Menschen)- und Systemverteilung (Wissenschaft), hier solle ohne größeren Zinnober gelebt werden und wer sich unbedingt aufdrängt mit absonderlichen Verhalten wird in das System überführt (einverleibt); die Erde wird nicht als paradiesische Illusion weniger gesehen, sondern als die Tatsache vieler.

Danke für Text und Grüße, Sascha

 blauefrau meinte dazu am 01.04.26 um 20:13:
Vielen lieben Dank, Sascha, für deinen ausführlichen Kommentar. Ich gehe nicht unbedingt davon aus, dass jemand meine Texte kommentiert, daher bin ich erstaunt über deine Worte. Ohne dass du es wusstest, äußerst du dich zu meiner Sichtweise eines Bilds von Philipp Kummer, das in einer Ausstellung zum Thema "Verborgene Räume" in Reutlingen hängt.
Danke für deinen Komm und bunte Grüße blauefrau
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