Dem Trunk erlegen und ergeben? Am Stammtisch der Dichter und Philosophen

Ansprache zum Thema Betrachtung

von  EkkehartMittelberg

Meine Freundinnen und Freunde, wir wollen heute über das Trinken philosophieren. Weshalb trinken wir? Ich mache den Anfang mit einem Bekenntnis: Das ist das Problem am Trinken, dachte ich mir, während ich mir einen Drink einschüttete. Wenn etwas schlechtes passiert, trinkt man um zu vergessen; wenn etwas gutes passiert, trinkt man um zu feiern; und wenn gar nichts passiert, trinkt man, damit etwas passiert. (Women)“ Charles Bukowski (1920–1994)


Ich darf dich noch mit einem persönlichen Motiv ergänzen, Charles. Ich-trinke-um-andere-menschen-interessanter-zu-machen./

Quelle: https://beruhmte-zitate.de/zitate/1998028-ernest-hemingway


Ja, Charles und Ernest. Wir trinken nicht aus einem Grunde allein. Aber meistens sind es doch die Sorgen, weshalb wir uns den Reben ergeben: "Trunken müssen wir alle sein! Jugend ist Trunkenheit ohne Wein; Trinkt sich das Alter wieder zu Jugend, So ist es wundervolle Tugend. Für Sorgen sorgt das liebe Leben, Und Sorgenbrecher sind die Reben.

Johann Wolfgang von Goethe (1749 - 1832)

Quelle: Goethe, J. W., Gedichte. West-östlicher Divan, Erstdruck Cotta, Stuttgart u. Tübingen 1819. Das Schenkenbuch

Quelle: https://beruhmte-zitate.de/themen/trinken/


So ist es Freund Wolfgang, Bachchus hilft uns nicht nur über Sorgen hinweg. Er lindert auch unsere Schmerzen. „Trink ihn aus, den Trank der Labe, / und vergiss den großen Schmerz! / Balsam für's zerriss'ne Herz, / wundervoll ist Bacchus Gabe.“ Friedrich Schiller (1759–1805)
Quelle: https://beruhmte-zitate.de/themen/trinken/


Freunde, ihr findet treffliche Gründe für alle zu trinken, aber vergesst einen speziellen für Schriftsteller nicht. „Der Schriftsteller scheut sich vor Gefühlen, die sich zur Veröffentlichung nicht eignen; er wartet dann auf seine Ironie; seine Wahrnehmungen unterwirft er der Frage, ob sie beschreibenswert wären, und er erlebt ungern, was er keinesfalls in Worte bringen kann. Diese Berufskrankheit des Schriftstellers macht manchen zum Trinker.“ Max Frisch buch Montauk (Erzählung)
Quelle: https://beruhmte-zitate.de/themen/trinken/


Soweit ich sehe, liebe Zecher, beherrschen alle das vulgäre Trinken,

aber wie gehen wir richtig mit der Verführung des Dionysos um? „Akzeptiere, was dir das Leben bietet und versuche, aus jedem Glas zu trinken. Alle Weine sollten gekostet werden; von einigen sollte man nur nippen, aber von anderen die ganze Flasche trinken.“ Paulo Coelho (1947) brasilianischer Schriftsteller und Bestseller-Autor Über Leben
Quelle: https://beruhmte-zitate.de/themen/trinken/


Paulo, wir Dichter und Philosophen sollten besonders darauf bedacht sein, beim Genusse das rechte Maß zu finden. „Was ist's für ein Ruhm, die Kraft zu haben, viel in sich hineinzuschütten? Wenn du auch die Siegespalme errungen, wenn auch deine Zechgenossen, vom Schlaf überwältigt und das Genossene von sich gebend, taub sind gegen deinen Zuruf zum Trinken, wenn du auch als einziger das ganze Gelage überdauerst, wenn du auch alle an großartiger Mannhaftigkeit hinter dir gelassen und es dir niemand an Trunkfestigkeit gleich getan, so wird doch das Faß dich hinter sich lassen.

Lucius Annaeus Seneca (ca. 4 v. Chr. - 65 n. Chr.), genannt Seneca der Jüngere; römischer Philosoph, Stoiker, Schriftsteller, Naturforscher und Politiker; Quelle: Seneca, Briefe an Lucilius (Epistulae morales ad Lucilium), 62 n. Chr. 83. Brief. Übersetzt von Otto Apelt, 1924

Quelle: https://beruhmte-zitate.de/themen/trinken/


Eigentlich ist es mit dem rechten Maße doch gar nicht so schwer, Paulo und Lucius Annaeus; denn „Der Hunger kommt beim Essen […]; aber der Durst vergeht beim Trinken.“ Francois Rabelais: Buch Gargantua und Pantagruel. Die muntern Reden der Bezechten. In: Gargantua und Pantagruel, Buch 1, Kap. 5. Deutsch von Walter Widmer (1903-1965). Berlin: Rütten & Loening, 1970. Band 1, S. 33 Original franz.: "L'appétit vient en mangeant; la soif s'en va en buvant."
Quelle: https://beruhmte-zitate.de/themen/trinken/

Spiele das Problem nicht zu sehr herunter, Francois; denn mit der Bewertung des Trinkens geht von jeher eine verlogene Moral einher. „Die Moralheuchler sind nicht darum hassenswert, weil sie anders tun, als sie bekennen, sondern weil sie anders bekennen, als sie tun. Wer die Moralheuchelei verdammt, muss peinlich darauf bedacht sein, dass man ihn nicht für einen Freund der Moral halte, die jene doch wenigstens insgeheim verraten. Nicht der Verrat an der Moral ist sträflich, sondern die Moral. Sie ist Heuchelei an und für sich. Nicht dass jene Wein trinken, sollte enthüllt werden, sondern dass sie Wasser predigen.“ Karl Kraus (1874–1936) österreichischer Schriftsteller: Aphorismen
Quelle: https://beruhmte-zitate.de/themen/trinken/



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Kommentare zu diesem Text


 Graeculus (04.04.25, 01:00)
Darf ich Deiner Sammlung noch zwei weitere Zitate sowie eine kleine Anekdote hinzufügen?


Das Geschlecht, der Alkohol, das Blut. Die drei dionysischen Elemente des menschlichen Lebens: Dem einen oder dem andern von ihnen entgeht man bestimmt nicht.

(Cesare Pavese: Das Handwerk des Lebens, 2. Juli 1945)


Und im übrigen glaube ich, daß die Menschheit den Alkohol so lange brauchen wird, als sie genötigt sein wird, sich über ihre eigene Unzulänglichkeit hinwegzutäuschen; also vermutlich noch ziemlich lange.

(Egon Friedell: Kultur ist Reichtum an Problemen)

An meiner früheren Schule wirkte eine Deutschlehrerin zugleich als Drogenbeauftragte, also um Schüler auf dem rechten Weg zu halten.
Dann besuchte sie die Ausstellung "Rausch und Realität - Drogen im Kulturvergleich" in Köln und berichtete anschließend erschüttert: "Ich habe alle meine Lieblingsdichter dort gefunden."

 EkkehartMittelberg meinte dazu am 04.04.25 um 08:47:
Gracias, Graeculus, deine Ergänzungen eignen sich sehr als Fazit und die Drogenbeauftragte sorgt für den Lacher des Tages.

 Graeculus antwortete darauf am 04.04.25 um 15:53:
Ich weiß nicht, ob sie anschließend über das nachgedacht hat, was diese Ausstellung dokumentierte: daß jede Kultur ihre Drogen hat und daß diese also irgendetwas in der menschlichen Natur ansprechen müssen. Vielleicht das, was Friedell angesprochen hat?

 Teichhüpfer (04.04.25, 07:43)
Ein Gläschen Sekt, Ecki, da müsstest Du eigentlich Bescheid wissen.

lg Teichi

 EkkehartMittelberg schrieb daraufhin am 04.04.25 um 08:50:
Ja Teichi, du hast das mit dem rechten Maß aufmerksam gelesen.
LG
Ekki

 Teichhüpfer äußerte darauf am 04.04.25 um 18:46:
Ich weiß, was Du meinst, Ecki. Ich habe bei jedem Kommentar schon das Interesse mit dem Autor in das Gespräch zu kommen.

Teichi

Antwort geändert am 04.04.2025 um 18:46 Uhr

 Jack (04.04.25, 08:47)
Drum trinken wir auch heut ein Bier
am Prenzlauer Berge hier.

 EkkehartMittelberg ergänzte dazu am 04.04.25 um 08:52:
Verrätst du mir, welches Bier dort im Ausschank ist, Jack?

 Jack meinte dazu am 04.04.25 um 12:50:
Das Märzen von Schlenkerla ist jetzt schon das Bier des Jahres. Diverse andere werden den Abend mitgestalten.

 harzgebirgler (04.04.25, 10:57)
hallo ekki,

'im wein liegt wahrheit' – er bringt sie an den tag
die nüchtern im verborgenen sonst lag
woran ihr scheints auch gelegen
und löst die zunge dagegen.


beste grüße
henning

 EkkehartMittelberg meinte dazu am 04.04.25 um 12:35:
Merci, Henning,
mancher nüchtern in den Tag hinein döst, bis Wein ihm die beredte Zunge löst.
LG
Ekki

 plotzn (04.04.25, 11:23)
Schön, wie Du die verschiedenen Zitate und Aspekte miteinander verwoben hast, lieber Ekki!

Um noch ein humorvolles Zitat zu dem Thema beizusteuern: "Als ich von den schlimmen Folgen des Trinkens las, gab ich sofort das Lesen auf." (Henry Youngman)

Liebe Grüße
Stefan

 EkkehartMittelberg meinte dazu am 04.04.25 um 12:39:
Merci, Stefan,
solche tugendhaften Menschen gefallen mir, die auf den ersten Wink sogleich konsequent handeln.
Liebe Grüße
Ekki

 lugarex (04.04.25, 11:57)

im Gasthaus “U Fleku” trank ich manches schwarzes Bier
die Gute schmeckt und bekommst du nicht hier
kommt die Wahrheit an den Tag 
möchtest du es, dann eile nach Prag :P

 EkkehartMittelberg meinte dazu am 04.04.25 um 12:54:
Hallo Luga, nirgends habe ich so gut gegessen und getrunken wie in Prag. Das Restaurant hieß Berioschka. Weißt du, ob es das noch gibt?

LG
Ekki

 AZU20 (04.04.25, 12:27)
Trinken hat was, muss ich zugeben, selbst beim Lesen Deines Textes. LG

 EkkehartMittelberg meinte dazu am 04.04.25 um 12:57:
Hallo Armin,
ich wollte dich nicht missionieren. Genieße das Trinken und meine Texte weiter. :)

LG
Ekki

 Moppel (04.04.25, 13:18)
es hat nichts mit Moral zu tun, nicht zu trinken, sondern damit, dass man selbst gerne klar im Kopf bleiben will. Ein Gläschen in Ehren soll niemand verwehren. Aber eben nicht Saufen..
Interessant Ekki, was kluge Leute dazu so sagen.,..
lG von M.

 EkkehartMittelberg meinte dazu am 04.04.25 um 15:33:
So sehe ich es auch, Monika. Der maßvolle Umgang mit Alkohol ist der Gesellschaft geschuldet, aber in erster Linie eine Frage der Selbstverantwortung.

LG
Ekki

 Saira (04.04.25, 15:10)
Lieber Ekki,
 
ich muss an Oscar Wildes Worte denken: „Ich habe einen ganz einfachen Geschmack: Ich bin immer mit dem Besten zufrieden.“ Dieses Zitat unterstreicht die ironische und zugleich tiefgründige Betrachtung des Trinkens als eine Suche nach dem Besten im Leben, sei es in Form von Wein, Gesellschaft oder Inspiration. Es passt gut zu der Idee, dass das Trinken nicht nur eine Flucht oder Feier ist, sondern auch ein Streben nach Qualität und Genuss.
 
Ich habe da ein edles Rotweintröpfchen und stoße auf dich und deine Gesundheit an!
 
Herzliche Grüße
Sigi

 EkkehartMittelberg meinte dazu am 04.04.25 um 15:38:
Grazie, Sigi, gern erwidere ich dein Prosit und wünsche dir das Beste im Sinne von Oscar Wildes einfachem Geschmack.
Herzliche Grüße
Ekki
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