Wenn das Schicksal es gut mit einem meint und den Hauptmann zufällig aus dem Fenster schauen läßt

Anekdote zum Thema Lebensweg

von  Bluebird

Hatte ich geglaubt mit Ende der Schulzeit meinen persönlichen Tiefpunkt erreicht zu haben, so sollte ich schon recht bald meinen Irrtum erkennen. Meine insgesamt neunmonatige Bundeswehrzeit entwickelte sich zu einem regelrechten Albtraum und ich kann von Glück sagen, dass ich nicht im Gefängnis gelandet bin.

   Darauf bewahrte mich unter anderem der Zuruf eines Hauptmanns, als ich gerade mich zur endgültigen Fahnenflucht aufmachte. Anderthalb halbherzige Fluchten und etliche Disziplinarstrafen lagen schon hinter mir. Nun sollte ich aus nichtigem Anlass erneut das Wochenende in der Kaserne verbringen. Ich kochte vor Wut und bewegte mich heimlich im Pulk der Heimreisenden dem Ausgang entgegen.

Fast am Ziel angelangt, nur noch um die letzte Ecke biegen, da hörte ich plötzlich jemanden meinen Namen rufen. Ich stoppte abrupt und blickte mich um. Der Hauptmann stand winkend am Fenster und rief: „Kommen Sie doch bitte noch mal zurück. Ich möchte etwas mit Ihnen besprechen!" Ich zögerte, dann gab ich mir einen Ruck und kehrte um.


Der Hauptmann empfing mich freundlich: „Nehmen Sie Platz! Ich habe zufällig aus dem Fenster geblickt und Sie da Richtung Ausgang gehen sehen. Sie wollten abhauen, nicht wahr?“ Ich schwieg!

   „Seien Sie froh, dass ich Sie gesehen habe. Die Wache hatte Anweisung Sie sofort festzunehmen, falls Sie am Tor auftauchen sollten. Sie hatten keine Chance und wären umgehend im Bau gelandet.“ Jetzt war ich tatsächlich leicht geschockt. Es war wirklich nur noch ein Meter gewesen. Hinter der Ecke wäre ich außerhalb des Sichtfeldes des Hauptmanns gewesen.

   Es ergab sich in der Folge mit dem Hauptmann ein sehr ehrliches Gespräch, was vielleicht mit dazu beigetragen haben mag, dass ich etwa zwei Monate später – wirklich für mich völlig überraschend – aufgrund eines psychologischen Gutachtens vorzeitig entlassen wurde.


Es kam mir damals wirklich wie ein Wunder vor! Aber wie knapp war das gewesen. Hätte der Hauptmann nicht zufällig aus der Fenster geschaut oder mich ins Verderben rennen lassen, wäre es mit Sicherheit nicht so glimpflich abgelaufen.

    Dies war einer jener Momente in all der elend-trübsinnigen Zeit, die mich auch damals noch an eine wohlgesonnene Schicksalsmacht glauben ließen.



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Kommentare zu diesem Text


 Verlo (25.06.26, 15:36)
Der Hauptmann hat nicht zufällig am Fenster gestanden, Bluebird, er wollte dir helfen.

Vermutlich hat er das Gutachten organisiert.

 Verlo meinte dazu am 26.06.26 um 08:50:
Bluebird, es gibt es normales menschliches Verhalten, nichts alles, was gut für einen war und ist, muß Schicksal oder Wunder oder Gottes Hand sein.

Ein guter Offizier läßt seine Leute nicht ins Messer laufen!

 Verlo antwortete darauf am 26.06.26 um 08:54:
Bluebird, betrachtet man deine Zeichen Gottes genauer, bleibt nicht viel, was nur ein Gott vollbringen kann.

Ich kann mir vorstellen – ich behaupte nicht, daß es so war! –, daß zu zum Glauben gefunden hast, weil das Leben für dich zu schwierig war.

Vielleicht sogar zum Glauben finden mußtest, um zu überleben.

 Verlo schrieb daraufhin am 26.06.26 um 08:59:
Wollte ich ein religiöser Führer werden, würde ich meine Entwicklung dorthin anders gestalten: 

Ich hatte ein schönes Leben, konnte mir nicht vorstellen, daß es noch schöner wird, wurde von meinen Nachbar beneidet, da erschien Gott eines Abends und nahm mich an seine Hand.

Seitdem habe ich begriffen, seitdem fühle ich, wie armselig mein schönes Leben war.

 Bluebird äußerte darauf am 26.06.26 um 11:38:
Ich schreibe autobiografisch und nicht fiktiv!

 Verlo ergänzte dazu am 26.06.26 um 11:59:
Deshalb muß man auf angenehme Ausschmückungen nicht verzichten.

Die wesentlichen Daten werden da nicht verändert.

Außerdem hat man im Alter einen anderen Blick auf sein Leben.

Als Jugendlicher fühlt man sich als Versagern, aber im Alter weiß man, daß Gott einen schon damals auserwählt hatte und streng prüfte.

Antwort geändert am 26.06.2026 um 12:13 Uhr

 Verlo meinte dazu am 26.06.26 um 12:02:
Eigenartig, wenn autobiografisch, solltest du dem Lesen Wesentliches nicht vorenthalten.

Aus der Armee vorzeitig entlassen zu werden, ist wesentlich.

Ich wurde vorzeitig entlassen, weil ich mit dem Klassenfeind zusammengearbeitet habe.

Dazu wurde kein psychologischen Gutachten angefertigt.

 Verlo (25.06.26, 15:38)
Fahnenflucht. – Und dann? In den Osten zu den Kommunisten absetzen?

 Bluebird meinte dazu am 26.06.26 um 07:40:
Als junger Mensch denkt man nicht allzu weit voraus!

 Bluebird meinte dazu am 26.06.26 um 07:40:
Als junger Mensch denkt man nicht allzu weit voraus!

 Verlo meinte dazu am 26.06.26 um 08:48:
Wie alt warst du denn? Vierzehn? Zwölf?

 LotharAtzert meinte dazu am 26.06.26 um 08:59:
Ich habe beim Bund ähnliche Erfahrungen gemacht. Aber deswegen schreibe ich keinen Kommentar, sondern deswegen: 
Wenn das Schicksal es gut mit einem meint
Wie "meint" denn ein Schicksal? Wie darf ich mir das vorstellen?

 Bluebird meinte dazu am 26.06.26 um 11:36:
Die Wohlgesonnenheit des Schicksals wurde für mich daran erkennbar, dass der rettende Blick des Hauptmanns just im richtigen Moment aus dem Fenster ging. Zwei oder drei Sekunden später und mein Leben hätte einen anderen, vermutlich weniger günstigen Verlauf genommen!

 Verlo meinte dazu am 26.06.26 um 11:50:
Nein, Bluebird, du warst bereits volljährig.

Vermutlich warst du sogar deutlich älter als 18.

Das psychologische Gutachten hat vermutlich attestiert, daß du nicht die Reife eines jungen Erwachsenen hast und nicht die Tragweite einer Fahnenflucht überblickst.

 Verlo meinte dazu am 26.06.26 um 11:55:
Ja, so ist es:
Bluebird hat geschrieben:
Die Wohlgesonnenheit des Schicksals wurde für mich daran erkennbar

Paßt nicht wirklich hierher, aber ich erkenne mich als einen sehr begabten Prosa-Autor, der nur zu viele berufliche Verpflichtungen hatte und nicht die Zeit für sein weltweit bedeutendes Werk gefunden hat.

Sobald ich Rentner bin – das kenne ich überdeutlich –, werde ich innerhalb weniger Jahre ein Werk vollenden, für das Nobelpreisträger für Literatur Jahrzehnte brauchen.

Ja, so wahr mir Gott helfe und beim Leben meiner geliebten Mutter, ICH ERKENNE ES deutlich!

Antwort geändert am 26.06.2026 um 12:15 Uhr

 LotharAtzert meinte dazu am 26.06.26 um 13:48:
Die "Wohlgesonnenheit" des Schicksals, ein schöner, ein annehmbarer Begriff.
Angenommen es ist wohlgesonnen, so ist es zunächst allen wohlgesonnen, denn man kommt nicht als Christ zur Welt, sondern als Säugling bei irgendwem. Und der Säugling kann noch nicht denken, so daß der Instinkt zunächst die Handlungsweise des Säuglings übernimmt und wenn sich der Säugling entwickelt, entwickelt sich die Handlungsfreiheit. Stimmt diese überein mit dem "vorgesehenen" Schicksal, so wird es sich optimal entwickeln, aber das menschliche Optimum ist nicht das himmlisch vorgesehene Optimum. Dieses kann nämlich beinhalten, daß die entsprechende Person ein paar schicksalsschwere Schläge erhalten muß, um eine vorgesehene Position, wie zum Beispiel die eines Erlösers vom übel ... setz selbst was ein, ich setz den Buddha ein ... zu erreichen. Keiner der Jünger wäre von sich aus Jünger geworden, sondern etwas charakteristisches musste zwangsläufig sich ereignen, was den Petrus zum Petrus und den Judas zum Judas hat werden lassen.
Wir Buddhisten würden sagen: der Judas war ein Tantriker, der ein hartes Karma zu egalisieren gehabt: er mußte den Herrn wissenden Sinns  verraten, damit dieser seine zukünftigen Anhänger erlösen würde können. So ist ja das Christentum aufgebaut: Mitleid mit dem Gekreuzigten, er hängt dort für unsere Erlösbarkeit.
Bei den Buddhisten ist es das Mitgefühl zu allem Leben, wozu aber unbedingt auch die Mitfreude gehört.
Ich lass es mal so stehen, die Hitze ... zuviel, Herr. Es hämmern Maschinen an die hundert hier, verbrauchen für die Kindeskinder gleich mit die Energie des Planeten und wer will uns aus dem Elend rausholen, wenn nicht Du, Bluebird. oder Du Verlo? macht hinne, es brennt üb erall.

Antwort geändert am 26.06.2026 um 13:55 Uhr

 Verlo meinte dazu am 26.06.26 um 15:45:
Lothar hat geschrieben:
... wer will uns aus dem Elend rausholen, wenn nicht Du, Bluebird. oder Du Verlo? macht hinne, es brennt überall.
Lothar, ob ich will oder beauftragt bin: meine Energie reicht nicht einmal dafür, meine Ziele zu erreichen.

Hier sind es 18 Grad Celsius. Vormittag hat es geregnet. Das Gras vor dem Haus ist noch feucht.
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