Koffie mit Blick op dat witte Huus

Satire zum Thema Beobachtungen

von  Saira

Ort: Veranda mit Spitzendeckchen. Gegenöver: dat hübsche witte Huus mit Rosenbogen, blanke Fensterscheiben. De Goorn is wild bepflanzt, bienenfründlich, fast märchenhaft. In’n Goorn sitt de Nachbarin – mit över sössig – op’n Bank. Neben ehr een junger Mann mit dunklem Haar. Se übt mit em deutsche Wörter.

 

Trine:
Hest du sehn, Else?
De Nachbarin ut dat witte Huus hett wedder so’n blotsroden Lippenstift up, as weer se twintig – un nich mit över sössig un Rentenbescheed in’n Schapp.

Else:
Ik heff dat sehn.
Dat Rööd lecht an ehr Mund as frische Lackfarbe an’n Gartentor. Mit över sössig! Een Fro schall sik fügen in ehr Johrn, nich blinken as’n Reklameschild.

Trine:
Un doch steiht se dor twüschen ehr Rosen, as wenn se sülvst de schönste dorvon weer.
Ik segg di, de Blumen mööt sik schämen.

Else:
Dat Huus passt to ehr – man nich so geschniegelt, as du meenst.
De Goorn dorümto is doch reinste Unordnung. Allens wuchert dörcheinanner, as wenn de Spaten dor nie een Wort to seggen harr.

Trine:
Jo, „Bienenparadies“ nennt se dat. Ik segg: dat is Verwahrlosung mit Blöömchen.
Dor summt un krabbelt dat, as weer dat een Freistaat för Insekten.

Else:
„Märchenhaft“ schall dat wesen. Ha!
As wenn Dornröschen dor glieks ut’n Busch krupen kunn.

Trine:
Fröher harr man Rabatten in Reeg un Glied.
Hüt lett se allens wuchern, „natürlich“, seggt se.

Else (spitz):
Un binnen in dat witte Huus, twüschen all dat Gesumm, dor sitt se un schrievt ehr feinen Sätz över Gefühle un eigen Wegen.
As wenn Welt un Ordnung bloots Kulisse weer för ehr Selbstverwirklichung.

Trine:
Nu hett se ja sogor een dicken Roman rutbröcht – över een ganzet Jahrhundert!
As wenn se dat Recht harr, över hundert Johr Menschengeschick to richten.

Else (trocken):
Een Jahrhundert!
Ik heff Mühe mit een Wochentag, un se meent, se kunn de Tiet in Kapitel snieden.
Dat passt to ehr Goorn – allens wild, allens groot denkt, man keen klare Linie.

Trine (schnaubt):
Literatur! Ik heff mol een Kapitel leest. Dor geiht dat üm dunkle Machenschaften, üm Schuld un – wat weet ik – as wenn se dat ganze Jahrhundert dörchleuchten kunn.
Un de Kritiker? De vergliekt se sogor mit so’n russ’schen Schwermood-Dichter.
Ik segg di: Dat liest sik as’n Beichtstuhl mit Goldrand.
Viel Drama, veel Grübeln – man allens so blank poliert, dat man fast sien eigen Gesicht dorin sehn kann.
Un denn heet dat: „weltumspannend“.
Ha! För mi is dat bloots dicke Papier mit wichtigtuerischem Ernst.

Else:
De Lüüd sünd ganz hin un weg. „Reife Stimme“, seggt se.
Reif! Dat Wort bruukt man för Obst, nich för Froonslüüd, de nich weten, wann Schluss is.

(Se kiekt röver. De Nachbarin beugt sik to den jungen Mann, lacht geduldig.)

Trine:
Un nu gifft se ok noch Unterricht. Kiek mal, Else – de Fremde ut dat graue Mietshuus sitt bi ehr.

Else (mit schmalen Ogen):
Jo, de mit dat komische Akzent.
Wat maakt he dor?

Trine:
Se helpt em Deutsch to leren.
Privat. In ehr hübschen Goorn mit Lavendel un Bank.

Else:
„Sprache is Brücke“, seggt se seker.
Ik segg: Brücken bringt ok Lüüd röver, de nich herhört.

(Schritte op’n Kies. Bodo kummt dorbi, de Mantel stramm, de Blick kühl.)

Bodo:
Na, mien Damen. Wat gifft dat to beobachten?

Trine:
Wi bewundern de Weltoffenheit vun uns Nachbarin.

Bodo (trocken):
Ach, de Dichterin.
Nu verteilt se ok noch Vokabeln?

Else:
Se meint seker, se rett de Welt mit ehr weichen Wörtern.

Bodo:
Ordnung fangt bi de Spraak an.
Wer hier is, mutt sik anpassen – nich dat Ganze ümstülpen mit Sentimentalität.

Trine:
Se sitt dor as Lehrerin. Mit ehr feine Bücherhand un dat milde Lächeln.
Mit över sössig! As wenn se noch Mission hett.

Else:
Dat is doch lächerlich. Een Fro in ehr Johrn schall Beispiel wesen, nich Experiment.

(Up de Bank klinkt dat vorsichtige „Danke schön“ vun den jungen Mann. De Nachbarin nickt un korrigiert em sanft.)

Trine (zuckt):
Hörst dat? Nu snackt he al as een vun uns.

Else:
Dat geiht to schnell.

Bodo:
Sprache is Macht.
Un se verschenkt se, as weer dat Saatgut in’n Fröhjahr.

Trine:
Un dorbi löppt se noch rüm as’n Versprechen. Dat Rööd op ehr Lippen – as Trotz gegen de Tiet.

Else:
Se draggt ehr Oolt as Schmuckstück.
Wi draggt unsers as Last.

Bodo (kalt lächelnd):
Glanz vergeiht. Wat nich fest verwurzelt is, knickt bi Sturm.

Else (leise, giftig):
Se meint, Bildung un Pflege maken se unangreifbar.

Trine:
Un Güte ok.

Bodo:
Güte ohne Grenze is Schwäche.

(Stille. De Wind geiht dörch de Rosen. Dat witte Huus steiht ruhig in de Sünn. De drei Tassen sünd fast leer.)

Else (murmelnd):
Mit över sössig noch so leuchten …

Trine:
… un noch so lachen.

Bodo:
Dat Lachen vergeiht ok.

(Up de annern Siet lacht de Nachbarin wedder – nich laut, man warm. De junge Mann spreckt noch een Satz, sekerer as vörher. De Kaffee op de Veranda is kalt worrn.)

 

 

 

© Sigrun Al-Badri / 2026



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Kommentare zu diesem Text


 Reliwette (27.02.26, 15:14)
Na, mien leeve Saira, dat is een moi vertelske. Dat mutten de  anner Lü verstaun kunnen? Min skopnauber seggt an mi: "Din Plattdütsk is mall (schlecht). Un ick segg an hom: Min Plattdütsk is hel beter as din Hogdütsk. "Mag  woll sin", seggt he.
Un ick: "dat ostfreske wordenbok - dat sünt 100 Siten, in beede Richtungen, un dann kiek di mal den Duden an..."
Un he: "Wat weest Du denn?"

Ich finde das wichtig, dass wir "Zugezogenen" uns der alten Wort- und Sprachtradition nicht verschließen, denn das ist auch ein Stück Heimat. Wir gewöhnen uns zunehmend das "denglisch" an, was ja eine verkürzte Grammatik innehat und dann noch:"inkopen - einkaufen - shoppen oder "drive in", das muss man erstmal auf deutsch hinkriegen:"Zum Bestellen die Einfahrt benutzen und vom Auto aus bestellen und empfangen".

Von Harten, Reli!

Kommentar geändert am 27.02.2026 um 15:16 Uhr

Kommentar geändert am 27.02.2026 um 15:17 Uhr
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