Darf man mit Kindern darüber reden?

Bericht zum Thema Familie

von  diestelzie

Enkel Nummer 2 liest sehr viel. Ja, ich kann mit gutem Gewissen behaupten: Bücher sind seine Leidenschaft. In der ersten Klasse brachte er sich das Lesen überwiegend selbst bei und die Bücherei  war bald sein "Spielplatz". 

Interessant findet mein inzwischen Neunjähriger alles was mit dem ersten und zweiten Weltkrieg zusammenhängt. Ich lerne viel, wenn wir uns darüber unterhalten. 

Auch das Thema Tod, vielleicht im Zusammenhang mit der Kriegsgeschichte aber auch dem zu frühen Tod seines Bruders, ist immer wieder Gegenstand seiner Gedankenwelt. Neulich präsentierte er mir ein Buch über die verschiedenen Möglichkeiten zu sterben und den Umgang mit dem Tod in früheren Zeiten sowie anderen Kulturen. Es handelt sich tatsächlich um ein Kinderbuch, mit kindgerechter Illustration und Erklärung. 

Die Frage: "Wie möchtest du denn sterben, Omi?" lies nicht lange auf sich warten und ich wählte das Bild mit dem Sterbenden im Bett. 

"Am liebsten möchte ich zuhause in meinem Bett sterben." antwortete ich ehrlich.

Junior schaute mich ein bisschen enttäuscht an. Ihm schwebt wohl etwas völlig anderes vor, etwas Heldenhaftes, mindestens ein Tod im Kampf für die Gerechtigkeit.



Anmerkung von diestelzie:

Das knappe finanzielle Budget hielt seine Eltern nicht davon ab, ihm eine komplette Buchserie zu kaufen, die er sich sehr wünschte (Bücher sind teuer). Eines schönen Tages gab es einen Bücherbasar und er verkaufte einige davon wieder... deutlich unter ihren Wert, aber mit strahlendem Gesicht.

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Kommentare zu diesem Text


 Saira (15.03.26, 10:01)
Liebe Kerstin,

so wunderbar zu lesen, wie dein Enkel mit Büchern die Welt entdeckt – selbst Themen wie Krieg und Tod, die wir Erwachsenen oft für zu schwer halten, werden von ihm mit Neugier und Ernst betrachtet. Dass er dabei sogar eigene Vorstellungen vom „Heldenhaften Sterben“ hat, zeigt, wie fantasievoll Kinder große Themen verarbeiten.

Deine ehrliche und behutsame Antwort macht deutlich: Man darf sehr wohl mit Kindern über schwierige Dinge sprechen – und sie lernen daraus genauso wie wir.


Herzliche Grüße
Sigi

 diestelzie meinte dazu am 19.03.26 um 07:37:
Liebe Sigi,

das Thema Sterben hat mich tatsächlich als Kind auch interessiert, nur wurde darüber niemals gesprochen. Das war ein absolutes Tabuthema. Ich behaupte mal ganz kühn, dass sich daraus bei mir verschiedene Ängste entwickelt haben und möchte das bei meinen Enkeln vermeiden. Bei den eigenen Kindern war ich wohl noch nicht reif genug dafür. 

Danke auch hier für deine Empfehlung und liebe Grüße.
Kerstin

 Moppel (15.03.26, 18:16)
Mit Kindern darf man über alles reden, stelzie. Aber eben kindgerecht...lG von M.

 diestelzie antwortete darauf am 19.03.26 um 07:44:
Ja Moppel, ich bemühe mich, anders als bei meinen Kindern (Da hatte ich weder Zeit noch Nerven dafür.), meine Enkelkinder mit ihren Fragen und Problemen ernsst zu nehmen. Das verschafft mir(wie vielen anderen Omas auch) den Titel "Beste Oma der Welt". Höher kann man im Leben nicht aufsteigen   
und jedes Enkel hat eine weltbeste Oma verdient.

Herzlichen Dank und liebe Grüße.
Kerstin

 GastIltis (15.03.26, 21:22)
Liebe Kerstin,
dein Text ist außerordentlich spannend, finde ich in dem Interesse deines Enkels doch einen Teil meiner eigenen Kindheit wieder. Ich habe unsere Schulbibliothek regelrecht „verschlungen“. Später mir fast jedes mir interessant erscheinende Buch gekauft oder irgendwie besorgt. Natürlich auch Remarques „Im Westen nichts Neues“ und später einmal „Die Nackten und die Toten“. Oder über meine Mutter, die früh verrentet in den Westen durfte, z.B. Pasternak. Aber am liebsten, das gebe ich unumwunden zu, las und lese ich russische Autoren, von Tolstoi, Dostojewski, Gogol bis hin zu Tschechow und Turgenjew. Da kann ich mich auch heute noch lange darin verlieren. Jetzt bin ich ausnahmsweise bei einem hoch gelobten Schriftsteller der deutschen Sprache gelandet: „Wenn die Sonne untergeht“ von Florian Illies über die Familie Thomas Mann nach ihrer Ausreise aus Deutschland 1933, das ich, obwohl ich es schon zur Hälfte gelesen habe, als furchtbar langweilig empfinde, fast so schlimm, wie ich vor Jahren den „Turm“ von Tellkamp empfunden habe, bei dem ich noch den Ehrgeiz hatte, ihn bis zum Ende auszuhalten. Obwohl ich ja zu der Zeit selbst mehr als fünf Jahre in Dresden gelebt hatte. Aber gut, jeder liest, versteht und verarbeitet anders. Heute waren wir übrigens auf einem hiesigen Flohmarkt; erstaunlich, wie viele gute Bücher, auch Sachbücher zu Spottpreisen dort angeboten werden. Ich sehe meine Bücher schon den sprichwörtlichen Bach hinab schwimmen.
Liebe Grüße von Gil.

 diestelzie schrieb daraufhin am 19.03.26 um 07:51:
Lieber Gil,
das Gute an Büchern ist ja, dass jeder sie anders liest und versteht. So hat ein Buch, dank der Fantasie seiner Leser, unglaublich viel Potenzial und deswegen ist lesen so wichtig. Es bildet uns natürlich auch und ein schöner Nebeneffekt für Kinder ist, dass sie die Rechtschreibung beinahe nebenbei mit lernen.

Ich danke dir herzlich für deine Worte und die Favorisierung.
Liebe Grüße
Kerstin

 AnneSeltmann (13.06.26, 10:00)
Moin liebe Kerstin!

Beim Lesen musste ich mehrmals schmunzeln. Da sitzt ein neunjähriger Junge, verschlingt Bücher über Geschichte, Krieg und Tod und stellt Fragen, vor denen viele Erwachsene lieber ausweichen würden.
Ich finde es schön, dass über den Tod gesprochen werden darf, ohne ihn zu verdrängen. Kinder denken oft viel tiefer über solche Dinge nach, als Erwachsene vermuten.
Und die Szene mit der Frage nach dem eigenen Sterben hat etwas wunderbar Menschliches. Während du dir einen friedlichen Abschied im eigenen Bett wünschst, scheint deinem Enkel eher eine heldenhafte Geschichte vorzuschweben. Zwei Generationen, zwei Sichtweisen – und beide erzählen etwas über das Leben.

Über den Tod habe ich erst mit etwa dreißig Jahren begonnen nachzudenken. Davor habe ich das Thema eher gemieden und möglichst auf Abstand gehalten. Heute ist das anders. Der Gedanke an den Tod macht mir keine Angst mehr. Er gehört für mich zum Leben dazu – so selbstverständlich wie Geburt, Wachstum und Abschied.
Oder etwas persönlicher:
Ernsthaft über den Tod nachgedacht habe ich erst, als ich etwa dreißig war. Vorher habe ich das Thema lieber umgangen. Inzwischen hat sich mein Blick darauf verändert. Der Tod erschreckt mich nicht mehr. Er ist für mich kein Feind, sondern ein Teil des Lebens, dem wir alle irgendwann begegnen. Deshalb rede ich mit meinen Enkeln offen darüber. Kindern darf man andere Lebensfragen ehrlich beantworten.


Liebe Grüße

Anne

 diestelzie äußerte darauf am 15.06.26 um 08:23:
Liebe Anne,

der Umgang mit Tod und sterben wird heute weniger tabuisiert als noch vor ein paar Jahren. Als ich vor kurzem mit meinem Mann über einen Friedhof lief, fiel mir auf dass es zu der Zeit, als am wenigsten darüber geredet wurde, es wohl die größten Gräber gab. Das hat sich zum Glück komplett geändert.

Mein Enkel hat übrigens in der (Grund)Schule einen Vortrag über das Thema gehalten. Es war allerdings gar nicht so einfach, seine Lehrerin davon zu überzeugen. 

Herzlichen Dank für deinen Kommentar und liebe Grüße.
Kerstin
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