Bestätigungsfehler, Wunschdenken oder doch ein zielführendes Reden Gottes?

Essay zum Thema Gott

von  Bluebird

Illustration zum Text
(von Bluebird)

Die indifferente Kommunikation Deines Gottes lässt leider viel Spielraum für Wunschdenken und Bestätigungsfehler. Viele der Beispiele die Du immer wieder nennst könnte man in Schulbüchern zur Kognitionspsychologie aufführen.
Dieser Kommentar ist durchaus typisch, wenn ich in Foren von meinen Gotteserfahrungen berichte. Man unterstellt mir da gerne sogenannte Bestätigungsfehler (confirmation bias) oder aber auch, dass ich in an sich banale Dingen ein Handeln Gottes erkennen w i l l .
 
Ist das wirklich so?
Ich habe hier mal eine kleine Geschichte aus den Anfängen meines Christseins herausgesucht:

Es war ein Abend, an dem ich so gar nichts mit mir anzufangen wusste. Schließlich setzte ich mich in meinen Sessel und betete: „Herr, ich weiß nicht so recht, was ich tun soll!“ Im nächsten Moment kam mir klar und deutlich das Wort  Casino in den Sinn.
    Schockiert blieb ich eine Weile im Sessel sitzen. Kein Zweifel, ich hatte das Wort klar und deutlich in meinem Innern vernommen, aber es schien mir keinen Sinn zu ergeben. Das Casino war eine stadtbekannte Disco und eine der letzten Orte, wo ich mich aus eigenem Antrieb hinbegeben hätte. Und nahm man da nicht auch Eintritt?
  Ich erhob mich aus meinem Sessel und sagte: „Okay, ich mach`s! Auch wenn ich nicht weiß, was ich da soll!“

Ich kam kurz nach 21 Uhr am  Casino an, legte am Eingang zehn DM auf den Tisch und holte mir an der Bar erst einmal ein „Inklusiv-Getränk“ ab.  Dann schlenderte langsam ich in Richtung lauter werdender Disco-musik und befand mich kurz darauf in einem schummrig erleuchteten Raum neben einer großen Tanzfläche.
    „You make me feel like dancing“ dröhnte aus den Boxen und ich verzog mich erst mal in eine Ecke, von wo aus ich ungestört die Tanzfläche beobachten konnte. Sie war noch verhältnismäßig spärlich gefüllt, was vielleicht der Uhrzeit und dem Mittwochabend geschuldet war. Wer geht schon wochentags in eine Disco?

    Aber so nach und nach begann füllte sich der Raum. Was soll ich bloß hier? fragte ich mich gelangweilt. Gerade wollte ich mich in Richtung Bar begeben, als ich auf einmal angesprochen wurde: „Hallo, Heiner! Du hier? Also das hätte ich wirklich nicht erwartet.“ Ich schaute überrascht in das Gesicht von Sabine, einer jungen Frau aus dem Jesus-Haus.
    „So“, entgegnete ich, „ wieso denn nicht?“ Sie lachte: „Na, das sich so ein Spießer wie du hierher verliert, hätte ich einfach nicht für möglich gehalten.“
    Der Satz traf mich schon etwas. Sie hielt mich also für einen Spießer: „Siehst du, Sabine, so kann man sich täuschen. Aber du hast schon Recht, normalerweise würden mich hier keine zehn Pferde hinbekommen. Ich habe einen Fingerzeig von oben erhalten.“ Ich erzählte ihr die Sache mit dem Gebet und der vernommenen inneren Stimme.
    Sie schaute mich erstaunt an und sagte dann: "Ob du es jetzt glaubst oder nicht. Ich war mir nicht sicher, ob es richtig ist als Christin hierher zu kommen. Und deshalb habe ich vorher zu Gott gebetet, dass er dich oder Sven hierhin leiten sollte. Als bestätigendes Zeichen, dass es okay ist mit dem Tanzen." Sie lachte: "Und nun ist tatsächlich einer der beiden Moralaposteln hier. Ich bin wirklich erleichtert, dass Gott auf mein Gebet geantwortet hat."
    Ich war schon etwas baff: "Ja", entgegnete ich, " dass ist wirklich eine erstaunliche Sache. Ohne die vernommene innere Stimme wäre ich im Leben nicht hierher gekommen. Und die zehn DM Eintritt sind auch nicht gerade ein Pappenstiel! Viel Spass noch beim Tanzen!"

An der Bar traf ich zu meiner Überraschung den Manuel. Seit jener Geschichte mit der gemeinsamen spiritistischen Sitzung 1 hatten  wir uns nicht mehr gesehen.
    „Du hier?“, sagte er lachend. „Also dich hätte ich hier eigentlich nicht erwartet!“ „Ja, da magst du wohl Recht haben! Aber ich bin hierher geschickt worden.“ Er schaute mich leicht skeptisch an: „Geschickt worden?“ „Ach so“, entgegnete ich, „das weißt du ja noch gar nicht. Ich bin jetzt Christ!“
      Und so kam es, dass wir fast eine Stunde lang zusammen an der Bar saßen und uns gegenseitig erzählten, was im zurückliegenden Jahr alles so passiert war. Am Ende kam er noch einmal auf unseren Gesprächsanfang zurück: „Sag mal, wie hast du das eigentlich mit dem geschickt worden genau gemeint?“
    „Ganz einfach,“ entgegnete ich. „Ich saß zu Hause, habe gebetet und dann kam mir das Wort Kasino in den Sinn. Und deshalb bin ich hier!“
    Er schaute mich nachdenklich an „Schon erstaunlich“, sagte er, „denn ich bin das erste Mal seit Monaten wieder in diesem Laden. Und nun treffe ich ausgerechnet dich hier! Schon seltsam!“

Als ich später das Casino wieder verließ, hatte ich das Gefühl, einen wirklich guten Abend verbracht zu haben. Das sind wirklich gut investiert zehn DM gewesen, dachte ich.
  Damals ahnte ich nicht, dass ich sie einige Jahre später über einen Freund zurückerhalten würde.. Sabine gab ihm folgende Begründung: "Ohne meine Gebet wäre der Heiner nie dort hingegangen. Deshalb denke ich, dass ich auch für die ihm entstandenen Unkosten aufkommen sollte."
  Eine nette Geste, dachte ich und steckte den Geldschein ein.
Frage: Ist meine Deutung wirklich nur eine Mischung aus Bestätigungsfehlern und Wunschdenken, oder liegt ihr nicht doch eine nachvollziehbare Logik zugrunde?


Anmerkung von Bluebird:


1  hier

Frühere bzw. ältere Kommentare zu diesem Text


 loslosch (06.11.21)
wäre ich gott, würde ich dir auf telepatischem wege empfehlen, wieder die schachnachrichten im netz zu lesen: Keymer, geb. am 15.11.2004, gehört seit gestern zu den top 100 der welt. rechn. ELO aktuell 2.661.

interessiert dich das noch?

Kommentar geändert am 06.11.2021 um 21:48 Uhr

 Bluebird meinte dazu am 06.11.21:
Doch, interessiert mich!

 DanceWith1Life (06.11.21)
wieso braucht gott eine deutung?
und vor allem wozu?
es ist doch in der hier beschriebenen szene alles passiert. weißt du was,
ich werde meine gedanken dazu in einen eigenen text fassen, bis nachher, holzkreuzstützender Blauvogel.

Kommentar geändert am 06.11.2021 um 23:14 Uhr

 Bluebird antwortete darauf am 06.11.21:
Ja, mach das!

 DanceWith1Life schrieb daraufhin am 06.11.21:
heiliger bitcoinzins, das werde ich, lach

 Graeculus (08.11.21)
Ein wichtiger Aspekt deiner systematischen Bestätigungsfehler ist auch der, daß du alles, was deiner Ansicht entspricht, freudig aufnimmst und uns vorstellst, während du alles, was ihr nicht entspricht, mit Schweigen übergehst.

Ich meine z.B. das in einem deiner Videos vorgestellte wundersame Ereignis der Auffindung eines Romans über Südafrika. Auch dies ein Zeichen Gottes? Nun, dann wüßte man gerne, welches Zeichen denn der dir so umständlich ans Herz gelegte Roman enthalten hat. Kein Wort darüber in dem Video!

Da du ja immer auf Zeichen Gottes förmlich lauerst, nehme ich an, daß ein gewisser Prozentsatz von ihnen sich als Sackgasse erwiesen hat. Wir erfahren darüber freilich nichts.

Man könnte sogar die grundlegende Frage stellen, wohin dich überhaupt diese ganzen Zeichen geführt haben. Was ist dadurch aus dir geworden? Eine bedeutende Gestalt der christlichen Missionsarbeit?

 Bluebird äußerte darauf am 11.11.21:
Ohne die zahlreichen wegweisenden "Zeichen Gottes" wäre mein Lebensweg sicher anders verlaufen.

Und um einmal den berühmten Gorch Fock sinngemäß zu zitieren: "Ich weiss zwar nicht, wohin mich mein Lebensweg führen wird, aber ich bin überzeugt davon, dass Gott mich auf diesem Weg führt!"

Antwort geändert am 11.11.2021 um 22:27 Uhr

 Graeculus ergänzte dazu am 12.11.21:
Für deinen persönlichen Lebensweg sind diese Zeichen Gottes (oder was du als solche interpretierst) gewiß ganz entscheidend.
Allerdings sind sie für deinen Versuch, andere vom christlichen Glauben zu überzeugen (d.h. deine Missionstätigkeit), ungeeignet - zumal dann, wenn man weiß, daß göttliche Zeichen (Omina) in keiner Weise spezifisch christlich sind; z.B. die antiken Religionen sind voll davon.

 Bluebird meinte dazu am 12.11.21:
Die einzelnen Puzzleteile mögen nicht zwingend überzeugend sein für einen skeptischen Geist, aber das sich zusammengefügt ergebende Bild könnte es schon sein.

 Graeculus meinte dazu am 12.11.21:
Klar, das gilt für jede Religion.

Auffallend, daß immer wieder einzelne Puzzleteile nicht zu dem Bild passen und dann achselzuckend von den Gläubigen beiseitegelegt werden - so wie bei dir der Roman über Südafrika (wobei ich unterstelle, wenn darin irgendeine Botschaft für dich gelegen hätte, dann hättest du uns das mitgeteilt).

Auf diese Weise werde ich nie ein völlig stimmiges Bild der Welt erhalten, der religiöse Mensch (welcher Religion auch immer) schon.

 Ralf_Renkking (12.11.21)
Antwort: Ja und nein.

Ciao, Frank
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