Das Ungeschehene

Essay zum Thema Wirklichkeit

von  LotharAtzert

„ … wenn das Ungeschehene direkt im 1. Haus aufscheint, ist es nicht selbst Gestalt, sondern es erscheint in der Form eines Vorgangs.“

Wolfgang Döbereiner, „Die verlorene Grenze“



Nie zuvor habe ich etwas so klar Artikuliertes mit eigenen Ohren gehört. Bei Aristoteles war das noch einsilbig die Causa materialis, der Batzen Ton, der zur Causa finalis hin entstehenden Teeschale durch des Geistes Idee vom Trinkgefäß.

Aber wenn der Batzen, der Felsblock, der Stoff die Form eines Vorgangs ist, so ist das Ungeschehene als Zeichen dessen, was fehlt, ja bereits da, als ungebundene Energie, oder eben als Ereignis oder Geschehen.

 

Das Ungeschehene ist ungeschehen, weil es verdrängt wurde, als es hätte sein sollen. Und was man verdrängt hat, oder unterdrückt, kommt irgendwann bei Schwächung des Verdrängenden in die Erscheinung zurück, so ist die saturnische Himmelsordnung nunmal. Wer will das am wenigsten akzeptieren und verlangt umso mehr nach Beweisen? - Die Welt ist ein Spiegel für den Hineinblickenden, sie wird es nicht eben erst. Die Frage ist eher, wann kommt diese Erkenntnis endlich ins Bewußtsein.

 

Dies ist eines Geistes Teeschale. Darüber nachzudenken lohnt sich, man versteht dann den Kreis in und um allen Umkreis – und baut, im Formgrund, keine Käfige mehr für die Regler der Stoffgründe, sondern nimmt als erste universale Ordnung das Kreuz auf sich, um die vier Haltgründe zu erfahren: den Stoffgrund, den Wirkgrund, den Formgrund, sowie den Urgrund.

Der Formgrund, der dritte Quadrant – ist noch nicht die fertige Teeschale, sondern es muß der Abstieg in den 2. Quadranten zum Töpfer als Ausführer des Plans erfolgen: forme aus dem Klumpen da die Teeschale und verfahre bei allem nach Anweisung, so daß es vollkommen wird. Und so fügt sich alles, oder wenn zuviele Teile fehlen, formt sich nur der Mangel, meinetwegen in der DNA vieler Generationen, bis er am Ende die Zulassung erhält und erlöst ist.

Und findest du einen Batzen jetzt irgendwo: freue dich und mach dich ans formen. Und widme es dem all-einigen Urgrund, das heißt allen fühlenden Wesen.

 

 





Anmerkung von LotharAtzert:

Wolfgang Döbereiner hat die Ecken der Lehre von den vier Gründen gerundet, die Aristoteles durch das Wirken der Vorsokratiker erst dunkel wieder erahnte. Ihm, dem Münchner Rhythmenlehrer, sei diese Schrift in Dankbarkeit gewidmet.

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Kommentare zu diesem Text


 DanceWith1Life (29.07.22, 12:41)
Da sind wir alle ein wenig zu flapsig für, meiner Meinung nach, wenn es z.B. als Möglichkeit nicht erkannt wurde, also ignoriert, aus fehlender Erkenntnis, greift die Logik des Verdrängens nicht wirklich.
Es bleibt aber wahrscheinlich die Wiederholungsschleife in einer mitunter sehr vertrackten Form.

 LotharAtzert meinte dazu am 29.07.22 um 15:03:
greift die Logik des Verdrängens nicht wirklich.
Oh, eine Logik muß es natürlich sein. In der Tat - wenn nicht 99% verdrängt wird, reicht der Platz nicht für den einen.


Der letzte Satz ist sehr wahrscheinlich, o mein Flapsdance, du Retter aus der Unkommentiertheit.

 RainerMScholz (30.07.22, 22:39)
"Evolution und Epigenese scheinen Worte zu sein, mit denen wir uns nur hinhalten.(...) bei der Lehre eines Auf- und Annehmens wird doch immer ein Aufnehmendes und Aufzunehmendes vorausgesetzt, und wenn wir keine Präformationen denken mögen, so kommen wir auf eine Prädelineation, Prädetermination, auf ein Prästabilieren, und wie das alles heißen mag was vorausgehen müßte bis wir etwas gewahr werden könnten."
Goethe: Faust, Kommentare nach Albrecht Schöne, 1994, 2003; S. 510
Ich will ein Stein sein.
Mit Moos darauf.
Dann sprechen wir.
Grüße,
R.

 LotharAtzert antwortete darauf am 31.07.22 um 09:44:
Als Wetterauer Kleinbauer verstehe ich soviele Fremdwörter Goethes leider nicht. Mir ging es um das Ungeschehene, welches, als aus der Zeit Verdrängtes, irgendwann auftaucht, aber nicht als Verdrängtes erkannt wird, sondern bestenfalls als "Problem".

Steine mit Moos - die gibts zuhauf in meinem Garten, ich liebe das :) 
Dankesgrüße
L.
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