Thomas Mann befindet sich im unteren Drittel

Kalendergeschichte zum Thema Kultur

von  eiskimo

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Den „Zauberberg“ möchten Sie?  Da brauche ich nur Buch für Buch von oben wegzunehmen und einen Schritt daneben wieder aufzuschichten. Thomas Mann liegt nämlich im unteren Drittel….

Und nach der Umschichtung liegt er im oberen Drittel, und Hemingway liegt unten. Ein etwas respektloses Verfahren, mit Dichtern umzugehen, finden Sie nicht?

Auf diesen Text stieß ich beim Durchblättern eines alten MERIAN-Heftes über Brüssel, ein Erbstück vom Schwiegervater, der viel gereist war. Schon lange her, seine Reisen. Und der MERIAN stammt aus dem Jahre 1958. Damals gab es in einem ordentlichen Haushalt noch Bücher, und diese mussten untergebracht werden. Mein obiger Text knüpft an diesem Problem an, und ich kann schon verraten: Es ist ein Werbetext, der so recht gemacht war für gutbürgerliche Kunden, Leser des MERIAN und Besitzer zahlreicher Bücher. Also weiter im Werbetext:

Bücher gehören in einen Bücherschrank. Da sind sie als unsere guten Freunde würdig untergebracht, gut auszumachen und leicht zu greifen. Kann es etwas Schöneres geben als eine behaglich-stille Lesestunde vor dem eigenen Bücherschrank und in einem schönen, wohlgeordneten Heim?

Ganz schön lang, ja, langatmig, dieser Text von vor knapp 80 Jahren. Heute undenkbar, nicht nur wegen der Mengen noch vorhandener physischer Bücher. Aber es kommt noch dicker:

Es ist ja so leicht, daheim froh und glücklich zu sein, wenn nur das Daheim ein wirkliches Heim ist – mit schönen Möbeln, die uns lieb und wert sind, die uns gefallen und das Leben erleichtern. Schaffen wir uns so ein Heim, eine Heimstatt des Glücks mit schönen Musterring-Möbeln!

Möbel, ein stabiler, vorzeigbarer Bücherschrank – am besten mit Glastüren – ein Nierentischchen mit ordentlich gehäkelter Decke drauf -  das war noch echte Erbaulichkeit in einem wohligen Zu Hause. Mit Thomas Mann und Hemingway!

Lesen als Teil des Wohlfühlanspruchs, oder?


 





Anmerkung von eiskimo:

Merian - das war "das Monatsheft der Städte und Landschaften". Gut gemacht, sehr weltoffen und kulturbeflissen.
Auch das ist heute so nicht mehr "vermittelbar".

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Kommentare zu diesem Text


 Nuna (28.02.26, 14:12)
:)
Dieser Artikel erinnerte mich sofort an meinen ersten Merian, 1993 erworben. Später folgten weitere weil auch ich von den Informationen begeistert war. Auch steht das gut bestückte Bücherregal weiterhin in meinem Wohnzimmer. Ich kann mich nicht von Büchern trennen.

Heute reicht ein Handy, irgendwie  unromantisch.

LG Nuna

Ausgaben des  Merian kannst Du dir z.b. über Amazon bestellen, die gibt es nach wie vor

 eiskimo meinte dazu am 28.02.26 um 14:24:
Danke für Empfehlung und Kommentar. Ich gucke mir mal einen modernen Merian an....
LG
Eiskimo

 DavidW (28.02.26, 14:18)
Also der Fußnote würde ich widersprechen. Es gibt viele "Merian"s heutzutage, die sind aufgegangen im SZ-Magazin, in "Bellevue" (NZZ), "Effilee" (neuerdings vom Spiegel aufgekauft), in "Lonely Planet"...

Antiquariate sind allerdings weniger geworden, Bibliophilie weniger, seit dem Privatfernsehen wird weniger gelesen, und die social media haben das Leseverhalten noch einmal verändert. Und das Fernsehverhalten sogar auch. Ich schaue meine Naturdokus auf Instagram, gibt sehr gute...

 eiskimo antwortete darauf am 28.02.26 um 14:28:
Ich kenne die von dir genannten Publikationen nicht. Kann sein, dass die sehr anspruchsvoll sind. 
Was ich da so vor Augen habe, das ist mehr Lifestyle und Event- orientiert.
Was mit Sicherheit anders ist, das ist die Werbung. Das sieht man auch bei meinem Beitrag.
vG
Eiskimo

 Saira (28.02.26, 15:59)
Hallo Eiskimo,

früher waren Bücher nicht nur Wissensquelle, sondern auch ein Zeichen von Bildung und Wohlstand – ein „richtiger“ Bücherschrank war oft ein Symbol für einen wohlgeordneten, guten Haushalt. 

Diese Kombination von Wissen und Status hat sich heute zugunsten digitaler Medien verändert. Dennoch bleibt der Wunsch nach einem „echten Zuhause“ mit Büchern und stillen, erbaulichen Momenten bestehen, denke ich.

Herzliche Grüße
Sigi

 eiskimo schrieb daraufhin am 28.02.26 um 16:39:
Das sehe ich im  Prinzip auch so, Sigi, nur erlauben digitale Medien "multi-tasking", d.h. da laufen dann neben dem Chat noch Werbebaner oder ein anderer Nutzer "klopft an"  und die Musik wird hinterlegt, und .... und..
Ein Buch lesen ist nur ein Buch lesen, ganz exklusiv. Alles andere muss zurücktreten. Damit sind viele überfordert.
Stichwort Reizüberflutung.
Meine Musterring-Werbung spieglelt eine ganz andere Welt wieder.
Liebe Grüße 
Eiskimo
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