Wo stehst du?

Kurzprosa zum Thema Gesellschaft/ Soziales

von  Regina

Der Lieferant, zu anderen Zeiten durchaus zu einem Schwätzchen aufgelegt, erscheint heute nervös. "Ich stehe unten vor dem Haus im Parkverbot", so begründet er seine Eile. "Nein, Herr Feiling", erwidere ich, "Sie stehen hier im Treppenhaus vor meiner Wohnungstür."
Es ist doch ein merkwürdiges, weit verbreitetes Phänomen, dass selbst das Firmenfahrzeug, das einem ja gar nicht gehört, als Teil der eigenen Person wahrgenommen wird, wie eine blecherne Außenhaut, von der keine Trennung stattfindet, auch dann nicht, wenn der Mensch aussteigt und das Auto stehen lässt.


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Kommentare zu diesem Text


 Redux (29.05.26, 10:34)
Hallo Regina,  ich weiß,  worauf du hinaus möchtest und kann die Intention verstehen. Doch eher kann ich den Herr Feiling verstehen, der ein Knöllchen vermeiden möchte und in dem Moment ganz rational entscheidet. Da ist kaum der Moment für philosophische Betrachtungen.

 Regina meinte dazu am 29.05.26 um 11:30:
Um das Knöllchen geht es doch gar nicht, sondern darum, was im zweiten Teil des Textes angesprochen wird, nämlich, dass das Auto als "Ich" empfunden wird. Beobachte die Leute mal, wie sie sagen: "Ich stehe auf dem Parkplatz, vor der Schule etc. Feiling ist nur ein Beispiel.

 Gabyi antwortete darauf am 29.05.26 um 12:02:
@Regina
habe das genauso auch verstanden. Wie man häufig sich selbst mit einem Gerät identifiziert. Kommt ganz oft vor.

 Regina schrieb daraufhin am 29.05.26 um 12:16:
Dsnke, Gabyi, du hast erfasst, was ich mitteilen wollte.

 Alabanda äußerte darauf am 29.05.26 um 15:29:
Feigling identifiziert sich natürlich nicht mit dem Auto, er ist sich bewusst, dass er eben doch das Knöllchen zahlen wird und nicht das Auto. Das Fahrzeug ist so in etwa mit ihm verbunden wie sein Schuh.
Das Auto wird nicht als ich empfunden, es ist nur eine Abkürzung für den Satz ich habe das Auto im Parkverbot abgestellt.

Antwort geändert am 29.05.2026 um 15:32 Uhr

 Verlo (29.05.26, 13:18)
Regina, ich war auch Lieferant.

Egal, wie ich mich ausgedrückt habe: ich habe nie mein Fahrzeug als Teil von mir wahrgenommen als würde zB meine Hand abfallen, verliert das Firmenfahrzeug ein Rad.

Das sind Verkürzungen der Sprache, die sich immer einstellen und die Kommunikation vereinfachen. Und überhaupt verständliche Verständigung ermöglichen, auch wenn man dafür keine Zeit hat. 

Letztendlich meint "ich stehe ...": das Fahrzeug, für das ich im Moment verantwortlich bin, steht im Parkverbot.

Das hast du selbstverständlich verstanden. 

Außerdem könnte es sein, daß der Lieferant nur Zeit für dich hatte, weil er sich Trinkgeld erhofft.

Aber das hat auch seine Grenzen. Ab einem bestimmten Punkt des Aufwandes verzichtet jeder Lieferant gern.

 Wastl ergänzte dazu am 29.05.26 um 15:41:
Verkürzungen der Sprache > gefällt mir sehr gut!

 Verlo meinte dazu am 29.05.26 um 15:59:
Wastl, das geht so weit, daß ein Blick reicht.

Das nächste Mal, wenn der Lieferant wieder ..., reicht ein Blick, und Regina erinnert sich: aha, er steht wieder im Parkverbot, was meint, sein Firmenwagen, für den er im Moment verantwortlich ist ...

Jetzt wird auch klar, wie Tiere sich verständigen können: mit Blicken. (Unter anderem.)

 DanceWith1Life (29.05.26, 14:38)
Eine wiederkehrende Szene zwischen Eile und Betrachtung nehme ich an. Sprachliche Spitzfindigkeit soll das verfilzte Wollknäuel im Kopf der Eile entwirren helfen, kenn ich nur zu gut. Wird das Angebot angenommen erntet die Szene im Idealfall Gelächter, wenn nicht, nur weitere Spitzfindigkeiten, meiner Erfahrung nach.

 LotharAtzert meinte dazu am 29.05.26 um 15:13:
Wieso sprachliche Spitzfindigkeit? Die deutsche Sprache mit ihrer Bildtiefe liegt im Koma, wg. rasendem Supertec. Damit die Tüte vom Temu zeitnah ankommt.

 Schtzngrrrrm meinte dazu am 29.05.26 um 15:16:
DIE DEUTSCHE SPRACHE, LOTHAR? ODER VIELLEICHT DIE MENSCHENSPRACHE? WUSSTET IHR, DASS GEHIRNWÄSCHE EINE LEHNÜBERSETZUNG AUS DEM MANDARIN IST? 

洗腦 / 洗脑 (xǐnǎo)

Antwort geändert am 29.05.2026 um 15:34 Uhr

 Wastl meinte dazu am 29.05.26 um 15:39:
Im Sinne von Reinigung der Gedanken, oder meinen die Chinesen dabei auch die Manipulation bzw. Indoktrination.

 Schtzngrrrrm meinte dazu am 29.05.26 um 15:58:
SIE MEINTEN MANIPULATION/UMERZIEHUNG. HERGLEITET WURDE DER BEGRIFF VON BADEN (xǐzǎo 洗澡). ZUNÄCHST WAR DAMIT DIE REINIGUNG VON ALLEM BÜRGERLICHEN GEMEINT. KRITIKER AUS DER BEVÖLKERUNG MACHTEN IRONISCH/ZYNISCH GEHIRNWÄSCHE DARAUS. US-AMERIKANISCHE JOURNALISTEN ÜBERSETZTEN DEN BEGRIFF WORTWÖRTLICH INS ENGLISCHE. SO GELANGTE ER INS DEUTSCHE. 

 Wastl meinte dazu am 29.05.26 um 16:07:
Aha, also Etymologie mal von einer anderen, ungewohnteren Seite her. Sonst las ich früher das Buch von Alexander Kluge um die Herkunft bestimmter Worte zu erfahren (zB 'muss' und 'müssen' kommt von Muse - also eine Umkehrung von 360° im Baerbockschen Sinne ihres neofuturistischen Sprachduktus).

Hab Dank für Deine Antwort, Schtzngrmm.

 DanceWith1Life meinte dazu am 29.05.26 um 16:16:
Ich wage mal zu vermuten, dass der Ursprung, da China eine lange buddhistische Tradition hatte, in der Aussage über die Reinigung von den Geistesgiften liegt. Und dann von den üblichen Verdächtigen verfälscht worden ist,  passiert ja in allen Kulturen. Aber das ist pure Vermutung.

 Schtzngrrrrm meinte dazu am 29.05.26 um 16:20:
MEINST DU MUSE ODER MUßE? DIE VERZERRUNG DER ANTIKEN MUßE (LAT: OTIUM) ZUM MÜßIGGANG GEHT AUF DAS KONTO DER CHRISTEN, NICHT AUF DAS VON ANNALENA. ES IST DIES EINE DER TRAURIGSTEN ENTWICKLUNGEN, WELCHE DIE MENSCHHEIT JE GEMACHT HAT. 

 Schtzngrrrrm meinte dazu am 29.05.26 um 16:43:
UPS, DANCE, HAT SICH WOHL ÜBERSCHNITTEN, DAS BUCHSTABENEINFÄRBEN DAUERT IMMER SO LANG. DEINE VERMUTUNG IST ZWAR SCHLÜSSIG, ABER DAS WORT HAT TATSÄCHLICH MIT DEN WELTLICHEN PRAKTIKEN MAO-CHINAS ZU TUN, S.O.

 Schtzngrrrrm (29.05.26, 15:01)
JA, REGINA, WER SICH MIT EINEM GEGENSTAND IDENTIFIZIERT, IST EIN QUATSCHOMAT. 

ABER IST ES NICHT NOCH VIEL ÄRGERLICHER, WENN JEMAND EINEN ANDEREN MIT EINEM GEGENSTAND IDENTIFIZIERT? ODER MIT EINEM RHETORISCHEN BEGRIFF? 

 Wastl meinte dazu am 29.05.26 um 15:37:
Ist denn nicht ein Quatschomat jemand, der Unsinn spricht? Klar ist es noch viel ärgerlicher, wenn jemand einen anderen mit einem Gegenstand identifiziert, aber andererseits kann man den selben Sprachduktus übernehmen und sagen: Oh, ich sehe, du stehst dort hinten (damit ist das Auto des Angesprochenen gemeint). Auf jeden Fall ists schlicht und einfach lustig, wie Umgangssprache gestaltet sein kann.

 Schtzngrrrrm meinte dazu am 29.05.26 um 15:46:
DIE LINGUISTIK HAT DAFÜR DIE BEZEICHNUNG METONYMIE. METONYME KOMMEN NICHT NUR IN DER UMGANGSSPRACHE VOR. GENUG GEKLUGSCHEIßERT. UNANGENEHM IST NICHT EINE ÜBERTRAGUNG AN SICH, ES STÖRT MICH NICHT, DASS WIR ÜBER ZEIT SPRECHEN, ALS HANDELTE ES SICH UM RAUM. STÖREND IST DIE IDENTIFIZIERUNG MENSCH MIT GEGENSTAND/BEGRIFF ODER SCHLIMMER DIE ZUSCHREIBUNG.

 Wastl meinte dazu am 29.05.26 um 16:01:
Es scheint mir, dass diese Empfindung des sich gestört fühlens, bei Dir schon vorher da ist, und wenn Dich dann was triggert, es zu einer Entladung kommen könnte - aber das ist nur ein oberflächlicher Eindruck - vielleicht ists etwas anderes.

 Schtzngrrrrm meinte dazu am 29.05.26 um 16:08:
NEIN. ICH HABE SCHLICHT DIE ERFAHRUNG GEMACHT, DASS IDENTIFIZIERUNG UND ZUSCHREIBUNGEN FRIEDENSSTÖRER SIND. MAN KÖNNTE ES AUCH WIE IM BUDDHISMUS ALS ANHAFTUNGEN BEZEICHNEN. SIEHE MEINEN VON DEINEM APFELTEXT INSPIRIERTEN BAUMTEXT, DEN MAN SOWOHL POLITISCH ALS BUDDHISTISCH LESEN KANN. 

 Wastl (29.05.26, 15:32)
Ja mei, Umgangssprache hat viele Variablen. Das ist wohl eine davon, die im Umgang mit anderen manchmal abfärben kann, ohne dass man zuvor über den genauen Sinn des Wortlauts nachdenkt. Das ist manchmal unfreiwillig komisch, aber auch recht lustig (wenn man länger darüber nachdenkt oder spontan merkt, wie komisch es sich in Wirklichkeit anhört). Verlo hat das, finde ich, auch noch mal von einer anderen Warte aus gesehen sehr gut beleuchtet.

LG

Wastl

 Aber (29.05.26, 16:50)
Der Lieferant, liebe Gina, der damals ein Schwätzchen mit uns hielt, wollte einfach nur die Zeit totschlagen, interessierte sich ebensowenig für uns wie der heutige Paketbote.
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