Crescendo

Gedicht zum Thema Musik

von  Saira

Zuerst tritt die Geige hervor.


Ein feines Zittern liegt in ihren Bögen,
kaum hörbar,
wie ein Gedanke,
den man fortzuschieben versucht.

Das Cello antwortet
mit dem Gewicht alter Sterne.

Seine tiefen Töne sammeln sich
unter den Stimmen der anderen,
werden schwerer,
drängender.

Das Klavier setzt einzelne Töne.

Klar.

Präzise.

Jeder fällt an seinen Platz
wie ein Stein ins Wasser,
und die Kreise ziehen sich enger.

Die Flöte streift darüber hinweg,
eine unsichtbare Strömung.

Sie berührt nichts
und erreicht doch jeden Winkel.

Die Instrumente hören einander zu.

Sie rücken füreinander zur Seite,
senken die Lautstärke,
lassen den Pausen Raum.

Doch gerade dort,
zwischen zwei Takten,
beginnt etwas zu wachsen.

Die Geige spannt ihre Saiten straffer.

Das Cello hält einen Ton
einen Augenblick zu lange.

Das Klavier antwortet
mit kühlen Akkorden.

Die Flöte verliert ihren spielerischen Flug
und zieht eine schmale Linie
durch die Musik.

Keines der Instrumente wird lauter.

Und doch verdichtet sich etwas.

Als hätte die Luft
ein verborgenes Gewicht angenommen.

Die Finger finden keinen ruhigen Takt mehr.

Der Atem gerät aus dem Maß.

Jeder neue Ton
scheint näher zu kommen
als der vorherige.

Dann geschieht das Wunder:

Die Musik verlässt die Notenblätter
wie Vögel einen geöffneten Käfig.

Sie kreist durch den Raum,
streift die Herzen der Zuhörer
mit ihren unsichtbaren Flügeln.

Während sie steigt,
fällt alles Überflüssige von ihr ab.

Zurück bleibt,
was die Töne längst wussten.

Eine Resonanz
die mit jedem Akkord wächst.

Bis zuletzt


spielt nur noch die Stille.

 



©Sigrun Al-Badri/ 2026



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Kommentare zu diesem Text


 franky (10.06.26, 08:42)
Hi liebe Sigi, 

"Die Musik verlässt die Notenblätter
wie Vögel einen geöffneten Käfig.


Sie kreist durch den Raum,
streift die Herzen der Zuhörer
mit ihren unsichtbaren Flügeln."


Phantastische Bilder,
die sich wundersam zusammenfügen. 

Liebe Grüße von Franky

Kommentar geändert am 10.06.2026 um 08:46 Uhr
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