Ein Neuanfang mit aufgehendem Glücksstern
Anekdote zum Thema Lebensweg
von Bluebird
Meine Bundeswehrzeit war vorzeitig zu Ende gegangen und ich kehrte von Bad Segeberg nach Hösel ins Elternhaus zurück. Schon seltsam, dass ich als Karl-May-Fan nicht einmal die dortigen Festspiele besucht hatte. Vielleicht war ich aus dieser Abenteuerromantik inzwischen auch herausgewachsen. Da gab es noch eindeutig das Gute und Böse, im normalen Alltagsleben war dies viel schwerer durchschaubar.
Auf jeden Fall fühlte ich mich nach meiner wundersamen Entlassung von der Bundeswehr stark motiviert es nun alles besser zu machen. Ich besuchte alte Freunde aus meiner Unterilper Tischtenniszeit, aber das verlor schnell seinen Reiz. Sie gingen inzwischen ihre ganz eigenen Wege und man hatte sich im Grunde genommen nicht mehr viel zu sagen.
Ähnlich erging es mir auch im Heiligenhauser Schachverein. Die alte Verbundenheit war verschwunden, ich machte einen Haken drunter und meldete mich ab.
Der Haken unter der Kettwiger Schulzeit war ja schon längst gemacht. So hatte ich mich jetzt im Prinzip von allem getrennt, was in Heiligenhaus und Kettwig in meiner chaotischen Phase stattgefunden hatte. Es war Zeit für einen echten Neuanfang. Aber was tun?
Ich entschied mich letztlich für ein Fachhochschulstudium. Sozialpädagogik hatte etwas mit Menschen zu tun, der Gedanke gefiel mir. Wegen meines nicht bestandenen Abiturs musste ich zuvor ein einjähriges Praktikum in einer sozialen Einrichtung ableisten. Als ich diesbezüglich bei der Awo vorsprach, schlug man mir einen Kindergarten in Velbert-Langenberg vor. Ich sagte spontan zu.
Gleichwohl war es eine Entscheidung des mutmaßlich geringsten Übels gewesen. Kein Weg, den ich aus vollster innerer Überzeugung nun einschlug. Aber ich konnte ja nicht nur zuhause herumsitzen und die geniale Idee warten. Was mir mein Stiefvater auch eines Tages deutlich und nachvollziehbar zu verstehen gegen hatte.
War das mit dem Praktikum in einem kleinen Kindergarten eine gute Wahl gewesen? Dieser Zweifel beschlich mich schon nach kurzer Zeit.
Geradezu idyllisch im Ländlichen gelegen, war der Arbeitsplatz an sich recht attraktiv. Aber mit den Kindern wusste ich eigentlich nicht viel anzufangen. Die vier Mitarbeiterinnen schienen mich zu mögen, waren sich untereinander jedoch nicht wirklich grün. Da musste ich aufpassen, nicht zwischen die Fronten zu geraten.
Ich machte gute Miene zum oftmals trüben Spiel, erfüllte im Rahmen meiner Möglichkeiten meine Pflicht, ohne wirklich jemanden überzeugen zu können. Aber ich war kein Kostenfaktor, so war meine Entlassung nie ein Thema.
In diese Zeit hinein geschah etwas sehr Unerwartetes. Eines Tages las ich in der Rheinischen Post, dass im Ratinger Schachklub ein Pokalturnier stattfinden würde. Jeder Ratinger Bürger könne daran teilnehmen.
Eigentlich hatte ich ja mit dem Schachspielen aufgehört. Aber warum nicht noch einmal einen Versuch wagen?
Zur allgemeinen Überraschung – der Verein spielte drei Ligen höher als mein früherer Verein – stieß ich bis ins Halbfinale vor, wo ich knapp am späteren Sieger scheiterte.
Man schlug mir vor an der bald beginnenden Stadtmeisterschaft teilzunehmen. Ich stimmte zu, obwohl da wohl nicht viel für mich zu holen war. Die gesamte erste Mannschaft nahm nämlich daran teil.
Als ich drei Monate später als Sieger das Turnier beendete, konnte ich es
selber kaum glauben. Wo kam diese Leistungsexplosion plötzlich her? Ich hatte keine Erklärung dafür! War nach der langen Leidenszeit der erhoffte Glückstern über mir aufgegangen? Es kam mir fast so vor.