Hier ein mit Blumen geschmückter Leichenwagen und dort der Gong zur Trauerfeier, da ein italienischer Kleinwagen, der mit heruntergelassenen Fensterscheiben und voller Lautstärke des Radio, wahrscheinlich noch MC Kassette aus den 90ern - Italo Loverock Songs aus dieser Zeit abspielt, woanders wiederrum die Paola in ihrem Imbiss, die täglich ihre Panini belegt und zubereitet, ein Stück höher die Planet Bar, in der man sich kennt und selbst dem deutschen Neulinge Komplimente macht und ihm dazu sagt er sähe aus wie Bud Spencer.
Weiterfort der Andrang der Schüler und Schülerinnen, Halbstarke auf Motorrollern, die auf den Gehweg ausweichen und haltenden Busen vorbeifahren, in denen die Mitschüler solch eines Rowdys beeindruckt schauen. Daneben der Möchtegern Easy Rider auf seinem Fernost E-Bike mit außerordentlich fetten Reifen und natürlich fetter Aura und ein paar Meter weiter bereits die Klosterschülerinnen in ihren Klosterschülerinnenoutfit.
Habe ich wen vergessen? Ja, ganz bestimmt, eine Menge anderer Normalität und Skurrilität, nicht immer ist dieses und jenes auseinanderzuhalten, wozu auch, es kann in Sekundenbruchteilen wechseln, man beäugt sich und die Aura anderer schon genug … Leben und leben lassen oder gemäß der italienischen Entsprechung, die ebenso gebräuchlich ist: vivi e lascia vivere.
Schön sind solche Impressionen, unverbraucht und neu. Ein bisschen was hat es von dem Gefühl sich neugeboren zu fühlen, allerdings auch mit all den Unwägbarkeiten, mit der Unsicherheit und dem was eben so kommt – oder nicht. Benvenuto!
Die vor mir liegenden Laubbäume auf großer Wiese sind noch zaghaft grün, dazu gelbgolden, schwingen im leichten Wind zu allen Seiten, nicht wissend, wann sie wo fallen werden, dazu die reiche Oktobersonne, die in die Hügel der Abruzzen drängt, über dem Meer stehend, lange noch wiederkehrend und still wartend bis schließlich auch die letzten Bäume ihr Blattwerk irgendwann abgeworfen hätten und es braun und kraus zu Boden gebracht wäre.
Doch bis dahin ist noch Zeit, Zeit für Vieles, unter anderem für die unzähligen dörflichen Erntefeste, genannt Sagre, die von September bis November allerorts und je nach lokalen Produkten gefeiert werden. Viel Zeit für Wein, Gesang und für den einen oder anderen Tanz und nicht zuletzt für Liebensbekundungen aller Art; bevor der Winter kommt und nachdem das Jahr sich in der Sonne prächtigte.
Der Winter wird mir wahrscheinlich still und bedächtig werden, dort in den Abruzzen, auf dem Bauernhof nebst all den Tieren und den Tätigkeiten dennoch still, keine Reiserei mehr, weniger Pläne, weniger Menschenmengen, mehr Qualitytime wie man so schön sagt oder sich davon verspricht, ich weiß es nicht, Qualität hat viel Ausprägungen und allzu leicht beansprucht und gar vorgeschrieben.
Doch noch bin ich nicht dort in Città Sant'Angelo. Erstmal muss ich morgen die Kraft finden und mich aus der Herberge in Giulianova loseisen, wieder aufs Rad Richtung Pescara steigen, die etwaigen Mühen und Unwägbarkeiten solch einer Fahrt in Kauf nehmen, zum Vermögen einer Zuversicht hin, mich den Dornenranken und auch dem Erd-Burzeldorn (Krähenfüße) stellen, nicht ängstlich, nicht übervorsichtig, nicht so, dass man sich von vornherein schon in ein Kloster wünschte, sondern auf Augenhöhe, mit all dem Unmut und ganzer Güte.
La dolce vita.