Das fünfte Gesicht

Groteske zum Thema Psychologische Phänomene

von  Saira

Das Dorf schwieg.
Hinter Gardinen
wurde geflüstert.

 

Der Teich lag schwarz.
Still.

 

Die Weiden hingen schief.

 

Mit Kalle fing es an.
Laut.
Breit.
Hohl.

 

Man zog ihn aus dem Schilf
mit Schlamm im Mund,
ein Loch im Schädel.

 

Adler vom Revier

kratzte sich am Kinn.

„Besoffen gestürzt.“

 

An Bosheit
starb dort keiner.
Nur an Suff,
Dummheit
oder Pech.

 

Dann kam Gerd.
Sauber.
Glatt.

 

Er trieb am Ufer,
die Hände blutig
vom Lehm.

 

Im Mittelpunkt:
Leni.

 

Kirschaugen.
Ein Lachen,
das Männer dümmer machte,
als sie ohnehin waren.

 

Schöne Frauen
bedeuteten im Dorf
nichts als Ärger.

 

Kalle wollte sie heiraten.
Gerd wollte sie besitzen.

 

Beide nannten es Liebe.

 

Willi schwieg.
Der Totengräber.
Er roch nach Erde
und altem Regen.

 

„Hast sie gern?“
fragte die Mutter.

„Ja.“

 

Mehr brauchte Unglück nicht.

 

Dann verschwand Leni.

 

Der Teich blieb ruhig.


Nur manchmal
gluckste das Wasser.

 

Als würde unten
jemand lachen.

 

Willi fand man morgens
am Ufer.

 

Kehle offen.

 

In seiner Tasche:
Lenis Ohrring.

 

Das Dorf war erleichtert.

 

Tote Täter
machten ruhige Nächte.

 

Doch Adler schwieg.

 

Zu sauber.
Zu passend.

 

Also tauchten sie tiefer.

 

Und dort lag Leni.

 

Im schwarzen Schlamm.

Adler rekonstruierte:

 

Sie erschlug Kalle
mit einem Stein.

 

Sie machte Gerd besoffen.

Dann ertränkte sie ihn.

 

Und Willi
schnitt sie die Kehle durch.

 

Doch der Morast
nahm jeden.

 

Beim letzten Schritt
rutschte sie aus.

 

Schlingkraut
wickelte sich
um ihren Knöchel.

Es zog sie tiefer.

Langsam.

 

Der Teich
gab keinen zurück.

 

Seitdem sagen die Alten:

Geh nachts nicht ans Wasser.

 

Wenn der Wind dreht,
siehst du unten
vier bleiche Gesichter.

 

Und manchmal,
wenn das Wasser still wird,
sind es plötzlich fünf.

 

 

 

 

 

 

©Sigrun Al-Badri/ 2026



Hinweis: Du kannst diesen Text leider nicht kommentieren, da der Verfasser keine Kommentare von nicht angemeldeten Nutzern erlaubt.

Kommentare zu diesem Text


 Didi.Costaire (20.05.26, 16:19)
Moin Sigi,

das ist ja eine spannende Angelegenheit...

Ob Willi, ob Leni, ob Kalle -
der Teich schluckt sie nach und nach alle
und geht wer der Sach' auf den Grund,
dann ist das für ihn nicht gesund.

Liebe Grüße,
Dirk

 DanceWith1Life (20.05.26, 16:28)
Vom Morast der alles verschlingt
Alles was er in sich begräbt
Als wähnte er Leben
Kann er halten
nur das Leben eben nicht
Nur Tote schimmern am Grund
Zur Zeit online: