Vive le Président .. oder wie echt sind Politiker

Erörterung zum Thema Achtung/Missachtung

von  eiskimo

Dieser Text gehört zum Projekt    Politische und Haltungstexte


Wer zur Zeit in Frankreich unterwegs ist und nach der Beliebtheit des amtierenden Präsidenten Macron fragt, wird kaum etwas Positives zu hören bekommen. Selten war ein Staatschef der Grande Nation so unbeliebt wie dieser „Golden Boy“, dieser „Lakai der Großfinanz“, dieser „elitäre Schnösel, der mit seiner Arroganz viel zu weit weg ist von den wahren Problemen der Menschen“.

War Macron einfach zu jung, als er 2017 das Amt zum ersten mal antrat? Zu unerfahren?

Statt einer Antwort vergleiche ich ihn hier einmal mit einem seiner Vorgänger, auch ein sehr umstrittener Präsident, nämlich mit François Mitterand.

Macrons erste Amtszeit begann, da war er noch nicht ganz 40 Jahre alt. Mitterand kam 1981 an die Macht, da war er 65.

Macron hatte zuvor Philosophie und Politikwissenschaft studiert, bevor er auf die Ecole Nationale d´Administration (ENA) in Straßburg wechselte. Als einer der Besten seines Jahrgangs ging er dann in die Finanzinspektion des Landes. Mit 31 Jahren wurde er Investmentbanker bei Rothschild, mit 35 wurde er in den Präsidialstab des frisch gewählten François Hollande berufen, den er in Finanzfragen beriet, bis er sich 2016 vom sozialistischen Präsidenten lossagte, um 2017 selber als Parteiloser zu den Präsidentaschaftswahlen anzutreten.

Sozusagen eine klinisch reine Musterknaben-Karriere, die das „Wunderkind des Elysée“ da hingelegt hatte.

Für François Mitterand lässt sich das nicht sagen, beileibe nicht. Das fünfte von sieben Kindern eines Eisenbahners wuchs in einem sehr katholisch-konservativ geprägten Umfeld auf, ging nach dem Abitur an einer Klosterschule zum Studium nach Paris, wo er sich in den Jahren 1934 bis 37 immer mehr politisch engagierte und zwar in nationalistisch-rechtsextremen Gruppen (z.B. Croix-de-Feu), aber auch in literarischen Zirkeln, deren Leitung er auch übernahm.

Bei der Armee, zu der er sich im September 1937 meldete (als Sergent-Chef der Französischen Kolonialtruppe) traf er auf den jüdischen Sozialisten Georges Dayan, den er gegen antisemitische Anfeindungen schützte.

Im II. Weltkrieg kämpfte er gegen die Deutschen an vorderster Front, wurde im Juni 1940 schwer verwundet und kam in Gefangenschaft, die er als große Schande empfand. Die monatelangen Entbehrungen des Lagerlebens hielt er aus, indem er dabei eine „Universität“ betrieb – Vorlesungen und Debatten mit Gleichgesinnten, die der Zwangsarbeit in der Landwirtschaft und im Straßenbau „geistigen Widerstand“ entgegensetzen sollten.

Im Dezember 1941 gelang Mitterand im dritten Versuch die Flucht. Völlig abgemagert und entkräftet, brauchte er einige Wochen, um dann ab Mai 1942 einen Posten in der Vichy-Regierung zu übernehmen. Schon bald trat er aber in Kontakt zum französischen Widerstand, der von London aus aufgebaut wurde von einem gewissen General Charles de Gaulle. Unter dem Decknamen Morland kämpfte Mitterand dann auch aktiv und musste, um der Verhaftung zu entgehen, nach London fliehen, wo er der Exilregierung de Gaulles beitrat.

Ab dann war François Mitterand in unterschiedlichsten Kabinetten und auf diversen Ministerposten an der französischen Politik beteiligt, auch als Abgeordneter der französischen Nationalversammlung. Schon 1948 traf er bei einer Konferenz politische Größen wie Winston Churchill, Henri Spaak oder Konrad Adenauer, um erste Pflöcke für eine europäische Einigung einzuschlagen.

Als die IV. République 1958 endete und De Gaulle die V. ausrief, mit ihm als starken Präsidenten an der Spitze, ging Mitterand in Opposition zu „diesem neuen Diktator“ wie er sagte. Das brachte ihn immer dichter an das linke Lager heran, an Sozialisten und Kommunisten.

Beim ersten Versuch, Präsident zu werden (1965) scheiterte er mit 44,5%  gegen De Gaulle. Beim zweiten Versuch 1974, scheiterte er mit 49,2 % gegen Valéry Giscard d´Estaing.

Erst der dritte Versuch 1981 glückte, und zwar im Bündnis mit den Kommunisten, die damals noch eine politische Kraft waren. Mitterand erreichte 51,8 %.

Zurück zu Emanuel Macron, der nie als Kriegsgefangener im Viehwagen mit 60 anderen eingepfercht in ein Stalag abtransportiert wurde. Das ist ihm selber natürlich nicht anzulasten – dieses Glück der späten Geburt. Auch, dass er wohlbehütet aufwuchs in einer Mediziner-Familie in Amiens und dort sicher nicht Politik auf der Straße machte, sondern nur ein bisschen Schul-Theater spielte unter der Regie einer gewissen Brigitte.

Was ich in dieser kurzen Gegenüberstellung nur zum Ausdruck bringen will, ist der Faktor „Lebenserfahrung“, der in der Wahrnehmung der Menschen, denke ich,  eine gewichtige Rolle spielt. Es gibt in der Betrachtung von Politikern sicher noch viele andere Faktoren, die im Einzelfall den Ausschlag geben mögen. Macron gilt als extrem intelligent. Aber er hat nie die Herzen der Menschen erreicht, und nie deren Achtung erwerben können, so wie es der „Haudegen“ und ausgefuchste Taktiker Mitterand offenbar schaffte.

„Adieu, le Président,“ heißt es nun bald in Frankreich.

Für Deutschland und die Politik generell könnte man jetzt fragen: Und welche Autorität haben „junge Schnösel“, die direkt vom Hörsaal einer Universität in das Parlament wechseln? Können die, wenn sie noch nie im Leben eine Werkbank angefasst oder acht Stunden hinter einer Theke durchgehalten haben, wirklich dicht an den Problemen der Menschen sein?




Anmerkung von eiskimo:

Anstoß zu diesem Text: Eine französische  Jugend, F. MITTERAND, 1934-1947
geschrieben von Pierre Pean
Wahnsinn, was man da zu den aufgeführten Jahren nachlesen kann - da fand noch Politik statt, und das nicht nur als seichtes Blabla in Talkshows, sondern draußen, auf der Straße.

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Kommentare zu diesem Text


 Sekrotas (18.06.24, 11:55)
Können die, wenn sie noch nie im Leben eine Werkbank angefasst oder acht Stunden hinter einer Theke durchgehalten haben, wirklich dicht an den Problemen der Menschen sein?

Klar können sie. Ebenso wie das Arbeiterkind Gehard Schröder die Weichen für den Abbau des Sozialstaats stellen konnte.

 eiskimo meinte dazu am 18.06.24 um 12:59:
Diesen Umkehrschluss halte ich für falsch.
Das Arbeiterkind, das nach oben kommt, muss ja kompensieren und besonders smart sein.

 Sekrotas antwortete darauf am 18.06.24 um 13:16:
Nicht jedes Arbeiterkind hat in der Politik den Schröder gegeben, auf welche Art und Weise kompensiert wird, ist schließlich nicht festgeschrieben.

Ich setze meine Hoffnung auf den Philosophensohn, auf dass die Nazi-Prinzessin doch noch verhindert werde.

 Quoth (18.06.24, 12:07)
Gute Gegenüberstellung. Eine Kunsthistorikerin, die Macron auf einem Kongress kennenlernte, war entzückt von seinem Charme, mit dem hat er offenbar einen Großteil des franz. Volkes zeitweilig einwickeln können. War/ist er ein Blender? Wenn Marine le Pen die Wahlen gewinnt, gewinnt eine Blenderin. Auch nicht gut. Glaubwürdige Charakterköpfe wie Brandt, Schmidt, Mitterrand, de Gaulle und Adenauer sind in der Politik alles andere als die Regel.

 Sekrotas schrieb daraufhin am 18.06.24 um 12:18:
Brandt, obleich der glaubwürdigste Politiker dieser Reihe, galt vielen Deutschen nun allerdings als Nestbeschmutzer, da er die Zeichen der NS-Zeit im Gegensatz zu ihnen richtig gedeutet hatte; Schmidt war unbedingt ein Blender und ist im Nachhineind er beliebteste Kanzler. Ein kluger, bescheidener Mensch wie Egon Bahr eignete sich nicht zum Kanzler, er beklagte sich nicht einmal darüber, dass seine Verdienste Oberblender Kohl zugeschrieben wurden.

 eiskimo äußerte darauf am 18.06.24 um 13:03:
@Quoth
Ich denke, dass die sog. Kriegsgeneration ganz anders an Politik herangetreten ist. Und diese Erfahrung und die daraus gespeist Motivation, die fehlt einem 35jährigen von heute einfach.

@Sekrotas

Schmidt hatte eine deutliche Arroganz, aber auch ein top Analysevermögen.
Deine Bahr-Würdigung Teile ich

Antwort geändert am 18.06.2024 um 13:07 Uhr
Kardamom (40)
(18.06.24, 13:58)
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 Graeculus (18.06.24, 16:21)
Über Macron sagte ein Freund mir dieser Tage, er stehe unter dem Einfluß seiner Frau, gleichsam in einer Mutter-Kind-Beziehung.
Ob das eine seriöse Aussage ist, weiß ich nicht; aber diese Frau, die bei offiziellen Anlässen stumm wie ein Puppe neben ihrem Mann steht, ist schon eine Überlegung wert. Sie muß doch irgendwie ein wollendes, agierendes Subjekt sein. Wenn nicht vor, dann halt hinter den Kulissen. Welche Rolle spielt sie?
Kardamom (40) ergänzte dazu am 18.06.24 um 16:36:
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 Graeculus meinte dazu am 18.06.24 um 18:55:
Ob das eine republikanische Geste gegen die Monarchie war? Nein, wohl eher ein faux-pas.

 eiskimo meinte dazu am 18.06.24 um 19:45:
So stelle ich mir feministische Außenpolitik vor - weg mit männlichen Protokollen!
Kardamom (40) meinte dazu am 18.06.24 um 19:55:
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 Regina meinte dazu am 18.06.24 um 21:41:
"Über Macron sagte ein Freund mir dieser Tage, er stehe unter dem Einfluß seiner Frau, gleichsam in einer Mutter-Kind-Beziehung."  
Brigitte Macron hat in Frankreich wegen des Altersunterschieds viel Kritik einstecken müssen. Man warf ihr gar das Ausnützen der Abhängigkeitsbeziehung Lehrerin-Schüler vor und rätselt, wie das Eheleben wohl hinter den Kulissen aussehen mag. Aber schließlich ist die Partnerwahl Privatsache.

Antwort geändert am 18.06.2024 um 21:42 Uhr

 Graeculus meinte dazu am 18.06.24 um 21:51:
Die Partnerwahl ist Privatsache, inkl. Altersunterschied. Die Frage ist, ob sie einen politischen Einfluß auf den Präsidenten hat.

 Graeculus meinte dazu am 18.06.24 um 21:54:
(In der Weimarer Republik unter ihrem Präsidenten Paul von Hindenburg gab es jemanden mit Einfluß, den man spöttisch "den in der Verfassung nicht vorgesehenen Sohn des Reichspräsidenten" nannte: Oskar. Sowas gibt es.)
Kardamom (40) meinte dazu am 18.06.24 um 22:07:
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 eiskimo meinte dazu am 18.06.24 um 22:38:
Ganz so einfach sehe ich es nicht, weil der/die Ehepartner/in viel subtiler wirken kann.
Da spielen viel mehr Dinge hinein  als bei einem Berater.
Diese Brigitte hat ihren Macron ja unter ihre Fittiche genommen, da war er 15 oder 16, da war er sicher noch sehr formbar.

 Graeculus meinte dazu am 18.06.24 um 23:04:
An so etwas dachte ich. Ist sie seine Mentorin?

 Dieter_Rotmund (19.06.24, 09:46)
Was mich abstößt, dass offene Stellen oft mir jungen, völlig unerfahrenen Uni-Absolventen besetzt werden. Meist wechseln diese nach einem Jahr woanders hin - sog. "Durchlauferhitzer" - für den Arbeitgeber also  letztendlich doch eine Enttäuschung.

 eiskimo meinte dazu am 19.06.24 um 21:17:
Und in der Politik gibt es diese "Durchlauferhitzer" auch. Klappt es nicht mit der Ministerkarriere, tauchen sie wieder ab, um mit ihren Connections irgendwo "Berater" zu werden...
Da hat keiner eine Berufung, bestimmte Langzeit-Visionen umzusetzen.

 AZU20 (19.06.24, 19:00)
Können Sie natürlich nicht. LG
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