Über Pazifismus

Essay zum Thema Krieg/Krieger

von  Graeculus

Der Pazifismus als persönliche Weigerung, sich mit Waffen zu verteidigen, ist sehr respektabel, zumal er große Risiken in sich birgt. Wie aber steht es mit ihm als politischer Strategie, also als staatliche Reaktion auf den Angriff eines anderen Staates? Wie kann gewaltloser Widerstand wirksam und mehr als eine bloße Kapitulation sein?

Hierfür sehe ich die folgenden Überlegungen:

 

1. Man kann vom christlichen Glauben ausgehen, daß unser aller Leben vor der Aufgabe stehe, das Leiden (Symbol: das Kreuz) auf sich zu nehmen, wie Jesus es vorgelebt hat, um dann in einem Leben nach dem Tode dafür belohnt zu werden, während die Bösen ihre Strafe erhalten.

Jedem, der’s glaubt. Nicht-Christen bleiben da außen vor.

 

2. Gandhis Weg des gewaltlosen Widerstandes, der Gehorsamsverweigerung. Das Beispiel von Gandhi selbst gegenüber der britischen Kolonialmacht zeigt, daß dies Wirkung zeigen kann, aber nur unter bestimmten Umständen. Die erste Bedingung ist die eines charismatischen Führers, dem es gelingt, große Teile seines Volkes auf diesen Weg zu verpflichten. Die zweite Bedingung besteht darin, daß die aggressive Macht nicht völlig skrupellos, sondern um ihr Ansehen in der Weltöffentlichkeit besorgt ist. In dem Moment, in dem Gandhi es nicht mehr mit den Briten, sondern mit den Hindus und Moslems seines eigenen Landes zu tun hatte und daher als Führer nicht mehr allgemein akzeptiert wurde, ist sein Weg gescheitert, und ein blutiger Bürgerkrieg war die Folge.

 

3. Man kann sich in die militärische und politische Niederlage fügen, aber auf die Überlegenheit der eigenen Kultur vertrauen, insoweit den Sieger besiegen wie Griechenland die Römer: "Graecia capta ferum victorem cepit et artis / intulit agresti Latio." [Das eroberte Griechenland hat den rauhen Besieger eingenommen und die Kultur ins bäuerliche Latium getragen.] (Horaz ep. II 1, 156 f.) Ein zweites Beispiel dafür sind die Araber gegenüber den besiegten Persern. Die Voraussetzung dafür ist naturgemäß ein für den Sieger attraktives Kulturgefälle. Darauf muß der, der den Widerstand aufgibt, hoffen.

 

4. Schließlich gibt es den Weg des chinesischen Philosophen Lao Tse, den Weg des Tao. Er besteht in der Annahme eines Quasi-Naturgesetzes, demzufolge das einseitige Setzen auf Aggressivität und Gewalt (Yang) zum Scheitern verurteilt ist, weil es zum Erstarken seines Gegenteils (Yin) führt. Gewalt erzeugt Widerstand (welcher Art auch immer) und schwächt sich dadurch selbst: Die Untertanen werden renitent; die Bedrohten schließen sich zusammen; die Gewalt richtet sich – etwa durch Rivalenkämpfe – gegen die Gewalttäter; die Zerstörung erfaßt das eigene Land. Die Alternative zum Yang-Weg besteht in einem „Siegen durch Nachgeben“ (Tao Te King, Gedicht 22). Hier wird eine Einheit von Yang (Siegen) und Yin (durch Nachgeben) als effektiver angesehen.

 

Wie hat man sich das vorzustellen? Zunächst ganz sicher so, daß es nicht bedeutungsgleich ist mit dem bekannten Sprichwort „Der Klügere gibt nach“; vielmehr geht es hier eindeutig um das Siegen durch Nachgeben, und dieser Sieg ist nicht bloß ein moralischer. Das ist kein simples, starres Rezept, sondern hat, soweit ich sehe, verschiedene Aspekte:

 

          Man kann den Gegner ins Leere laufen lassen, nämlich sich in die Tiefe des Landes zurückziehen, ohne ihm Versorgungsmöglichkeiten zu überlassen, also seine Versorgungslinien immer weiter zu verlängern, bis er logistisch nicht mehr nachkommt. Das klassische Beispiel dafür ist die Strategie des russischen Marschalls Michail Kutusow gegen Kaiser Napoleon I. Klarerweise benötigt man dafür ein hinreichend großes Land, was auf China und Rußland zutrifft, nicht jedoch auf Luxemburg.

 

          Man kann mit scharfem Blick auf die Schwäche (Yin) in der Stärke (Yang) des Gegners achten und sie für sich ausnutzen: etwa die Gefahr, die in dem Gefühl der Überlegenheit liegt und zu Überheblichkeit sowie mangelnder Vorsicht verführt; oder darauf, wo seine Stärke (Finanzkraft, materielle Überlegenheit) auf Abhängigkeiten beruht (Verkauf von Produkten an andere à Handelsembargo, Belügen der eigenen Bevölkerung à Aufklärungskampagne usw.).

 

          Man kann das Prinzip des „Herrschens durch Dienen“ (Tao Te King, Gedichte 30, 61, 66 u.a.) einsetzen: Dienen, Helfen, Unterstützen führen zur Abhängigkeit auf Seiten desjenigen, dem gedient wird. Das Verhältnis von Herr und Knecht verkehrt sich auf eigentümliche Weise, sobald der Herr seine eigenen Fähigkeiten verkümmern läßt, weil er sich auf die Arbeit seines Knechtes verläßt. Und dann gilt: „Alle Räder stehen still / Wenn dein starker Arm es will“, wie das alte sozialdemokratische Lied verkündet. Dann ist das Yang (die Stärke) zu einem Yin (einer Schwäche) geworden, und das kann ausgenutzt werden. Es ist kein Zufall, daß Lao Tse häufiger (Gedichte 6, 61 u.a.) das Prinzip des Weiblichen preist, das im Herrschen durch Dienen bestehe. Man benötigt dafür freilich einen langen Atem, also viel Geduld.

 

          Was Lao Tse immer wieder hervorhebt, ist der Wert der Flexibilität („Beuge dich und sei aufrecht“, Gedicht 22), also das Nachgeben zur rechten Zeit, um keine Kraft durch starren Widerstand zu verlieren und sich bei günstigerer Gelegenheit wieder aufrichten zu können. Der Baum und der Grashalm im Sturm sind die dazu passenden Bilder. Die günstige Gelegenheit entsteht natürlich in dem Moment, in dem der Feind (der Sturm) an Kraft (Yang) eingebüßt hat.

 

          „Führe Krieg mit überraschenden Maßnahmen. / Werde zum Herrscher über die Welt ohne Kampf.“ (Gedicht 57) Der nicht hoch genug einzuschätzende Wert der Überraschung wird von vielen Strategen hervorgehoben. Nichts ist ungünstiger als eine absehbare Strategie, auf die sich der Gegner in Ruhe vorbereiten kann. Und was wäre überraschender als das „Tun des Nicht-Tuns“, die intelligente Weise des Nachgebens auf der Basis eines langfristigen Siegeskonzeptes?

 

Von allen pazifistischen Konzepten erscheint mir dasjenige Lao Tses als das anregendste und erfolgversprechendste; freilich bedarf es einer weisen Einsicht in den Lauf der Dinge und den langen Atem, um den günstigen Moment des Umschlags von Yang in Yin beim Feind zu erkennen und auszunutzen.

 

Dann setzt man (bildlich) die Kraft des Wassers ein: „Das Allerweichste im Universum / Überwindet das Allerhärteste im Universum.“ (Gedicht 43)



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Kommentare zu diesem Text


 Regina (17.04.22, 19:55)
Na siehst du, geht ja doch. Das sind ja kluge Gedanken.

 Graeculus meinte dazu am 18.04.22 um 13:34:
Nun kann man - wir sind ja in der glücklichen Lage, aus der Distanz darüber nachdenken zu können - überlegen, was davon auf die Ukraine paßt. 1 bis 3 schonmal nicht, oder?

Und 4 ist sehr, sehr schwierig, denn Lao Tse beschränkt sich darauf, als Weiser seine Empfehlungen zu geben; aber die müssen ja auch so populär gemacht werden, daß eine ganze Gesellschaft bereit ist, sie umzusetzen - und das in einer Kultur, die eine ganz andere ist als die traditionell chinesische.
Ahnst Du, was in einem demokratischen Staat die Opposition aus einem derartigen Vorschlag macht? "Verrat! Feigheit!" usw.

 EkkehartMittelberg (17.04.22, 20:35)
Wieder einmal ein durch Differenzierung glänzender Essay, Graeculus.
Weißt du, ob es jemals einen längerfristigen Sieg des Pazifismus gab, der auch die faktischen Gewaltverhältnisse geändert hat, denn das ist ja der überlegenen griechischen Kultur im römischen Imperium nicht gelungen?

 Graeculus antwortete darauf am 18.04.22 um 13:42:
Die griechische Kultur hat die römische stark geprägt, aber sie hat in der Tat nichts an den Gewaltverhältnissen geändert. Was Gewalt angeht, waren die Griechen auch kein Vorbild, ganz und gar nicht. Friedensverträge unter den Poleis wurden auf 30 Jahre geschlossen, damit die nächste Generation wieder eine Gelegenheit bekam, Ruhm zu erwerben.

Nein, ich habe den Eindruck, daß alle erwähnten Konzepte helfen können, sich in einem bestimmten Konflikt durchzusetzen - aber nicht, die Kriege für längere Zeit zu beenden.
Selbst der - interessante - zum Schutz der Indianer errichtete Jesuitenstaat in Paraguay ist mit Gewalt beseitigt worden.

Ich glaube, es war Regina, die einmal vorgeschlagen hat, für die Friedensforschung annähern so viel Geld auszugeben wie für die Rüstung. Wer weiß, was dabei herauskäme?

 EkkehartMittelberg schrieb daraufhin am 18.04.22 um 17:20:
Selbst wenn ich deine Kommentare lese, erfahre ich immer wieder etwas Neues, zum Beispiel, dass sie die Friedensverträge nur auf 30 Jahre schlossen.

 Graeculus äußerte darauf am 18.04.22 um 17:25:
Und wie es mit Verträgen so geht: Sie wurden dann auch oft genug gebrochen.

Das durch und durch agonale Denken der Griechen kennst Du ja doch sicher. Alles, sogar die Literatur, war ihnen Wettkampf. Es gibt kaum eine typischere griechische Erfindung als die Olympischen Spiele, zu denen noch weitere periodisch stattfindende sportliche Wettkämpfe kamen. Sogar die Zeit haben sie nach Olympiaden berechnet.

 loslosch (17.04.22, 23:21)
die vernetzung des bankensystems weltweit schafft ungeahnte abhängigkeiten und neue konfliktlösungsstrategien.

einen vorgeschmack bietet das "geplänkel" zwischen von der Leyen und Medwedew: die erstere prophezeit den baldigen zahlungskollaps russlands, der letztere warnt die europäer vor eigener zahlungsunfähigkeit. - zunächst ein scheinbarer krieg der worte nur.

 Regina ergänzte dazu am 18.04.22 um 06:04:
und diese Vernetzung verbietet einen Krieg, verbietet aber auch Boykotte, mit denen man sich ins eigene Fleisch schneidet. In Russland schaden diese dem Volk, erst in zweiter Linie dem Präsidenten. Wie kann man einen Lieferanten boykottieren, von dessen Produkten man abhängig ist? Was machen die Leute? Wer es sich leisten kann, verlegt seinen Wohnsitz ins Ausland. Die Zurückbleibenden stützen genau den Mann, dem man schaden wollte. Und jetzt erfahren wir noch diesen Aspekt mit den Biokampfstofflaboren, die, wenn sie stimmen, unsere Ansichten wieder über den Haufen werfen.

 Graeculus meinte dazu am 18.04.22 um 13:46:
Die wirtschaftliche Verflechtung der Staaten hatte bereits vor dem Ersten Weltkrieg die Hoffnung geweckt, ein Krieg werde dadurch entscheidend unwahrscheinlicher. Das Ergebnis ist bekannt.
Natürlich, man schneidet sich unter diesen Umständen (Verflechtung) durch einen Krieg ins eigene Fleisch; aber als Motiv scheint das nicht stark genug zu sein. Zumal es immer auch Teile der Wirtschaft gibt, die von einem Krieg profitieren.

 AchterZwerg (18.04.22, 17:16)
Hallo Graeculus,

mir gefällt, dass du die verschiedenen Denkansätze (fast) wertfrei nebeneinander stellst.
Ich bin selber keine Pazifistin und glaube auch nicht, dass gewaltfreier Widerstand unter allen Umständen sinnvoll ist (am Beispiel der Aufstände in den Ghettos).
Was mich aber aus tiefster Seele empört, dass sich jetzt amtierende Politiker in die jährlich stattfindenden Ostermärsche einmischen. Noch dazu anklagend! :(

Der8.

 Graeculus meinte dazu am 18.04.22 um 23:16:
Danke für Deine Einschätzung. Fast wertfrei, das trifft es wohl.
Ob ich mich selber zum Pazifismus bekenne? Ein festes Urteil habe ich dazu nicht, aber ich wollte einmal herausfinden, ob und wie soetwas funktionieren könnte. Mit moralischen Appellen allein ist es ja nicht getan.

 Quoth (18.04.22, 17:48)
Hallo Graeculus, ein interessanter und lesenswerter Essay - allerdings ist die Position des Christentums seit der konstantinischen Wende ("In hoc signo vinces") sehr viel komplexer als von Dir dargestellt. Auch die Reformation konnte sich nur durch das Bündnis mit politischer (und damit militärischer) Gewalt, nämlich mit Landesfürsten retten - und einen Politiker wie Bismarck, der drei Kriege vom Zaune brach, wird man kaum als Nichtchristen bezeichnen können.

Lao Tses Gedanken sind eindrucksvoll. Ob sie bereits Einfluss hatten auf "Über die Kriegskunst" von Sunzi?
Gruß Quoth

 Graeculus meinte dazu am 18.04.22 um 23:22:
Bei der christlichen Position habe ich mich bemüht, so dicht wie möglich an dem zu bleiben, was wir im Neuen Testament als Standpunkt Jesu zu erkennen vermögen. Seine Anhänger sind sogar schon vor Konstantin oft den Weg der Gewalt gegangen, kurioserweise meist in der Auseinandersetzung mit ihren eigenen verschiedenen Glaubensrichtungen: Montanisten, Monophysiten und was es sonst noch alles gab.
Auch gab es schon vor Konstantin christliche Soldaten in der römischen Armee. Ab er dafür kann Jesus ja nix.

Dein Hinweis auf Sunzi ist interessant; dem werde ich einmal nachgehen. Hast Du darüber Kenntnisse?

 Quoth meinte dazu am 19.04.22 um 17:16:
Ich habe ihn in hektographierten Auszügen bei der Bundeswehr kennengelernt; unser Lehrer schwärmte von Sunzi und sagte: "Ihr brauch die vierspännigen Kampfwagen nur durch Panzer zu ersetzen, dann ist er total aktuell!" Tatsächlich ist das 2500 Jahre alte Büchlein Clausewitz in Kurzform, gewürzt mit einer durchgehenden Mahnung zu Kriegs- und Schlachtvermeidung: "Wer sich nicht vollkommen im Klaren darüber ist, welchen Schaden ein Krieg anrichten kann, ist auch nicht in der Lage, den Krieg zu seinem Vorteil zu nutzen."

 Graeculus meinte dazu am 20.04.22 um 12:55:
Jetzt habe ich mir das schmale Bändchen (keine Geschwätzigkeit!) einmal angeschaut. Die Abneigung gegen Gewalt ist bei Sunzi nicht so grundsätzlich wie bei Lao Tse; aber den Vorzug gibt auch er den gewaltlosen Methoden: "Der kluge Anführer unterwirft die Truppen des Feindes ohne Kampf. [...] Dies ist die Methode, mit einer Kriegslist anzugreifen, indem man das Schwert in der Scheide läßt." Dem Hereinlegen des Gegners widmet Sunzi seine besondere Aufmerksamkeit: "Jede Kriegführung gründet auf Täuschung. Wenn wir also fähig sind anzugreifen, müssen wir unfähig erscheinen [...]."
Ein dermaßen explizites Bekenntnis zur Lüge sehe ich bei Lao Tse nicht.

Danke für den anregenden Hinweis!

 Quoth meinte dazu am 20.04.22 um 15:25:
Du urteilst zu hart; eine Kriegslist ist für mich so wenig eine Lüge wie die Körpertäuschung eines Elfmeterschützen. Nicht einmal die berühmteste Täuschung der Militärgeschichte, nämlich das Trojanische Pferd, finde ich moralisch verwerflich, obgleich Sinon, der sie mit einer Märchenerzählung unterstützte, sicherlich ein Lügner war - der aber genau wusste, was die Troer hören   w o l l t e n .
Im Fechtsport spricht man von Finten - mit denen man den Gegner durch simulierte Preisgabe zu vorschnellem Angriff verführt, mit dem er sich selbst entblößt. Lügen? Nein - kluges Kampfverhalten!
Gruß Quoth

 Taina meinte dazu am 20.04.22 um 15:46:
@Quot
eine Kriegslist ist für mich so wenig eine Lüge wie die Körpertäuschung eines Elfmeterschützen
Mit dem unbedeutenden Unterschied, dass der Tormann überlebt.

 Graeculus meinte dazu am 20.04.22 um 18:37:
An Quoth:

Ich kann dem Sunzi insoweit folgen, als es besser ist, Krieg mit List/Lüge zu führen als mit Gewalt, wenn dadurch Leben geschont werden.
Beim Trojanischen Pferd traf das allerdings nur für die Griechen zu, nicht für die Trojaner.
Und welche Leben werden verschont, wenn man behauptet, die "Moskwa" sei im Sturm gesunken und alle Besatzungsmitglieder seien gerettet? Das dient wohl lediglich dem Ansehen der russischen Führung.

Übrigens hätte Achilles eine solche Art der Kriegsführung wohl für unter seiner Würde gehalten; das blieb dem listigen Odysseus überlassen.

Fazit: Es gibt solche Lügen und solche.
Aber ich nehme nicht an, daß Du jede Art von Lüge verteidigen möchtest.

 Graeculus meinte dazu am 20.04.22 um 18:38:
An Taina:

Ja, das ist ein Unterschied, ob man durch eine List einen Menschen sportlich besiegt oder tötet.

 Quoth meinte dazu am 21.04.22 um 10:14:
Sunzi wird offenbar auch an Kampfsportschulen gelesen und ausgewertet. Die Römer haben den Kampfsport in ihren Gladiatorenspielen auf die blutige Spitze getrieben. Sport und Krieg gehorchen ähnlichen bis gleichen Gesetzen, es geht jeweils um Durchsetzung der eigenen Dominanz gegen die des Gegners/Feindes. Sunzi hebt z.B. sehr auf die Anpassung der Strategie ans Gelände ab. So unterscheidet der Tennisspieler auch zwischen Rasen- und Ascheplatz, und ein regendurchweichter Fußballplatz kann spielentscheidend sein.
Gruß Quoth

 Graeculus meinte dazu am 21.04.22 um 15:16:
Inzwischen habe ich mich etwas im Sunzi eingelesen und interessante Passagen im Altgriechisforum eingestellt:

https://www.albertmartin.de/altgriechisch/forum/?view=8660

https://www.albertmartin.de/altgriechisch/forum/?view=8662

Mich interesssiert vor allem der Aspekt, wie man einen Krieg gewaltlos gewinnen kann. Einen aufgezwungenen Krieg.

Wäre ich ein Römer und müßte von Amts wegen an Gladiatorenspielen teilnehmen, würde ich es wohl machen wie Caesar, Marc Aurel und einige andere: während der Vorführung etwas lesen. Marc Aurel hat auch festgelegt, daß die Kämpfe nicht mehr bis zum Tod der Kämpfer gehen dürften (etwa wie die Stierkämpfe in Südfrankreich).

Danke für Deinen Hinweis auf Sunzi!

 Taina (18.04.22, 17:48)
freilich bedarf es einer weisen Einsicht in den Lauf der Dinge und den langen Atem, um den günstigen Moment des Umschlags von Yang in Yin beim Feind zu erkennen und auszunutzen.
Falls man überhaupt noch Gelegenheit hat, diesen Moment zu erleben.

 Graeculus meinte dazu am 18.04.22 um 23:25:
Alle diese Wege bieten keine Garantie dafür, daß es nicht zu Tötungen kommt. Aber seien wir ehrlich: das ist auch bei einem Verteidigungskrieg nicht ausgeschlossen.

Was mich bei Lao Tse fasziniert, ist, daß er einen Weg sucht (und vielleicht sogar gefunden hat), ohne eigenen Gewalteinsatz einen Krieg zu gewinnen.

 Taina meinte dazu am 19.04.22 um 06:30:
Ich bin auch nicht dafür, Verteidiging um jeden Preis zu fordern, ich bin dafür, die Entscheidung des attackierten zu respektieren und ihm zu helfen.
Einem übermächtigen Aggressor sich zu ergeben ist keine Schande, außer für den Aggressor.


Gewinnen ohne Kampf ist eine Taktik des Shaolin? Sie funktioniert gut auf der Ebene individueller Konflikte. Mit Gruppen im Krieg wird es sehr viel schwieriger, wie du es auch gut beschreibst.





Antwort geändert am 19.04.2022 um 09:26 Uhr

 Graeculus meinte dazu am 19.04.22 um 23:14:
Ich weiß, daß Du und ich uns weitgehend einig sind im Hinblick auf die Ukraine. Aber im Rahmen eines Gespräches mit Andersdenkenden (Regina, Agnete) erschien es mir reizvoll, einmal der Frage nachzugehen, welche Strategien der gewaltfreien Reaktion auf kriegerische Aggression es überhaupt gibt.

Die Shaolin-Mönche stehen meines Wissens in der Tradition des Chan- bzw. Zen-Buddhismus. Der hat wohl Elemente des Taoismus übernommen, wird aber nicht unmittelbar zu dieser Tradition gezählt. Von Buddha selbst kenne ich keine Äußerungen, wie man ohne Gewalt einen Krieg gewinnen kann; das war wohl nicht sein Problem.

 Taina meinte dazu am 20.04.22 um 09:00:
@Graeculus

Mit dem Krieg ist es ein bisschen wie mit dem Teufel, seine größte List ist es, die Leute glauben zu lassen, dass es ihn nicht gibt.

Einen Krieg gewinnen, in dem man ihn nicht ausbrechen lässt, ihn nicht nur gewaltlos sondern auch so lange wie mgl. unbemerkt führt.
(Cyberattacken, Migration, Abhängigkeiten zb. vom Erdgas usw.)
Das hat der Puter zelebriert, bis er aus irgend einem Grund den Schalter umlegte auf Gewalt.

 Graeculus meinte dazu am 20.04.22 um 13:02:
Weiter oben kannst Du lesen, daß Quoth mir den Sunzi: "Die Kunst des Krieges", empfohlen hat.
In allem, was mit Lüge und Täuschung zu tun hat (die ja ebenfalls nicht auf unmittelbarem Gewalteinsatz beruhen), scheint Putin auf dessen Linie zu liegen.

Den von Dir genannten Fällen kann man noch die Bemühung hinzufügen, einen Keil in die EU und auch in die NATO zu treiben.

Das entspricht alles Sunzi oder, wenn man so will, dem Teufel. Sehr geschickt.
Ob der jetzige Einsatz direkter, brutaler Gewalt geschickt war, wird man noch sehen.

 Taina meinte dazu am 20.04.22 um 13:48:
@Graeculus

Das mit dem Sunzi trifft zu, offenbar war das ein Kultbuch der Roten Armee und Maos. Die Gewaltlosigkeit ist bei dem nur eine Phase, solange wie nützlich anzuwenden, keinesfalls das Grundprinzip oder gar ein Ziel.
das Grundprinzip ist, dem Feind zu schaden wo es nur geht.

Und nein, das ist nicht das überlegene Prinzip. Weil es in Kauf nimmt, sich selbst zu schaden.

Ein bisschen wie Machiavelli, wobei der auf den eigenen Machterhalt fixiert ist, weniger darauf anderen zu schaden. "Die Kategorien wahr und gut im Handeln werden ausgeschaltet oder auf die der Nützlichkeit reduziert." (wiki)

Antwort geändert am 20.04.2022 um 14:10 Uhr

 Graeculus meinte dazu am 20.04.22 um 18:40:
Der Vergleich mit Macchiavelli ist interessant. Auch Sunzi denkt nicht moralisch (was im Krieg auch schwierig ist), sondern orientiert sich an der Nützlichkeit.
Immerhin ist die Überlegung bedenkenswert, daß das massenhafte Töten von Feinden im Krieg eben nicht die intelligenteste Strategie darstellt.

Woher hast Du das mit dem Kultbuch?

 Taina meinte dazu am 20.04.22 um 19:18:
... das ist ein bisschen peinlich, ich las im wiki, dass diese sich am sunzi orientierten, der war wohl großes Vorbild.

Wenn die Priorität erst einmal soweit verschoben wird, dass an oberster Stelle steht, dem Feind zu schaden, ist man doch real schon ins hintertreffen geraten, oder?

Da ist der Egoismus, der die eigenen Belange im Vordergrund sieht noch gesünder.

 Graeculus meinte dazu am 21.04.22 um 15:10:
Nach dem Hinweis von Quoth habe ich mich mal etwas im Sunzu orientiert. Falls Du es lesen möchtest:

https://www.albertmartin.de/altgriechisch/forum/?view=8660

https://www.albertmartin.de/altgriechisch/forum/?view=8662

(Dort schreibe ich als Γραικύλος.)

 Taina meinte dazu am 21.04.22 um 15:27:
vielen DANK für die links :)

 
Mich interesssiert vor allem der Aspekt, wie man einen Krieg gewaltlos gewinnen kann. Einen aufgezwungenen Krieg.

Das ist der Knackpunkt. Einen Krieg gewaltlos per Übermacht zu gewinnen, weil der schwächere aufgibt ist nicht so interessant.

Eine Übermacht gewaltlos und erfolgreich abzuwehren, das wäre eine Blaupause, die vielen helfen könnte.

 loslosch meinte dazu am 21.04.22 um 21:49:
"... Eine Übermacht gewaltlos und erfolgreich abzuwehren, das wäre eine Blaupause, die vielen helfen könnte."

klingt wie nach absurdistan. allerdings dürfte die bloße existenz von abermillionnen von smartfones mit "schussbereiten" kameras eine neue realität schaffen - diesseits des atomaren patts natürlich.

die chin. clique ist nach über 30 jahren zeitlichen abstands vom massaker des himmlichen friedens heftig bemüht, dieses desaster aus dem nationalen gedächtnis zu löschen.

was wäre, wenn ...

1989, 1968, 1956

... die smartfones bereits ihren weltweiten "sieg" angetreten hätten?

 Graeculus meinte dazu am 22.04.22 um 00:20:
So ganz absurd erscheint es mir nicht, denn Gandhi hat es zumindest gegenüber den Briten geschafft und Kutusow gegenüber Napoleon. Da waren freilich, wie ich schon sagte, sehr spezielle Bedingungen gegeben, die ich im Falle Rußlands nicht sehe.

Die massenhaften Bilder dank Smartphones werden propagandistisch oder aufklärerisch (je nach Deutung) eingesetzt - aber beweisen sie etwas?  Zugleich sind ja auch die technischen Möglichkeiten gewachsen, Bilder in jeder Weise zu manipulieren, und bei Rußland habe ich den Eindruck, daß man zur Not auch leugnen würde, daß die Sonne im Osten aufgeht.

Bei Putin ist mir schon länger aufgefallen, daß er - wie alle Geheimdienstler und anderen Verbrecher - sehr oft betont: "Ihr könnt es nicht beweisen! Wo sind eure Beweise?" Wobei es natürlich nichts gibt, was er als Beweis akzeptieren würde.
Oh, wenn er doch mal vor Gericht stünde!
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