So ein Ohrwurm

Gedicht zum Thema Erkenntnis

von  Saira

Ein Ohrwurm ist manchmal nur ein Lied,
sagt man.


Ich bin mir da nicht sicher.

 

Manche Melodien
benehmen sich wie Menschen.


Sie tauchen auf,
ohne anzuklopfen,
machen es sich bequem,
legen ihre Jacke
über die Lehne der Seele
und bleiben.

 

Tagelang.


Man trägt sie mit sich herum
wie einen heimlichen Brief
in der Innentasche einer Jacke.

 

Sie reden nicht.
Sie summen.


Und gerade das
macht sie so gefährlich.

 

Denn Worte kann man zurückweisen.
Melodien
finden Hintereingänge.

 

Sie spazieren
durch Hirnwindungen der Erinnerung,
pflücken dort eine alte Sehnsucht
und tun anschließend so,
als hätten sie mit allem
gar nichts zu tun.

 

Irgendwann merkt man:
Man singt nicht das Lied.

Das Lied singt einen.

 

 

 

© Sigrun Al-Badri/ 2026



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Kommentare zu diesem Text


 EVdR (15.06.26, 17:44)
Welche Analogie:
Erst einzelne Schwingungen, der Rhythmus. Einzelne Worte die mitsingt und dann ist es: „Der Text“.
 
Die unbändige Kraft,
„Der Kunst“ !

Vereinnahmend …

 Saira meinte dazu am 16.06.26 um 14:28:
Hallo EVdR,

deine Beschreibung der „einzelnen Schwingungen“, die sich zum Ganzen fügen, trifft einen Kern, den ich beim Schreiben selbst nur intuitiv gespürt habe. Dass du darin die „unbändige Kraft der Kunst“ siehst, freut mich ungemein.

Ich mag es, wie du den Prozess betonst: das Werden eines Textes aus kleinen Impulsen heraus, das sich dann irgendwann nicht mehr kontrollieren lässt.

Ich danke dir für diese ruhige, klare Spiegelung.

LG
Saira

 Reliwette (15.06.26, 17:49)
Hallo Saira, 
 du weißt, dass ich auch  Musiker bin. Einer, der rythmische  Stücke bevorzugt, aber mit richtigen Noten, nicht nur Bass und Schlagzeug
Harmonische Notenkonstellationen. Diese Töne kommen nie heimlich, ohne anzuklopfen. Aber auch sie werden zum Teil einer Erinnerung - nur anders. Die Eindringlinge, die du meinst, möchte ich nicht mehr thematisieren, es sind mehr oder weniger Disharmonien.Sie gehören nicht in einen Seelengarten, deren Pforte sie niemals finden werden.
Das ist gewissermaßen auch tragisch!
DerReli grüßt

 Saira antwortete darauf am 16.06.26 um 14:51:
Hallo Reli,

interessant, wie unterschiedlich du das „Eindringen“ von Musik beschreibst: bei dir eher geordnet, bewusst und fast handwerklich durchkomponiert.

Du beschreibst Musik als etwas, das sich nicht ungebeten einschleicht, sondern gestaltet wird.

Dass du die von mir gemeinten „Eindringlinge“ als Disharmonien einordnest, empfinde ich wie du. 

Es sind genau diese Töne, die sich nicht in einen Seelengarten einfügen wollen, weil sie dort kein Zuhause finden. Sie würden ihn zerstören.

Lieben Dank für deine Gedanken dazu.

Herzliche Grüße
Saira

Antwort geändert am 16.06.2026 um 14:52 Uhr

 DanceWith1Life (15.06.26, 18:06)
Sehr viel interessantes in Text und Kommentaren zum Thema Denkroutinen.

 Saira schrieb daraufhin am 16.06.26 um 14:54:
Moin Dance,

sind es nicht genau diese Routinen, die bestimmen, welche „Melodie“ überhaupt hängen bleibt?

LG
Saira

 DanceWith1Life äußerte darauf am 16.06.26 um 15:02:
Das halte ich für einen der Punkte, den man im Auge(Ohr) behalten sollte.

 Schtzngrrrrm (15.06.26, 18:50)
Die Frage ist: ist es noch ein Lied oder schon eine Leier oder vielleicht dumpf hämmerende Beats?

 Saira ergänzte dazu am 16.06.26 um 14:56:
Moin Schtzngrrrrm,

vielleicht ist es am Ende gar keine klare Unterscheidung zwischen Lied, Leier oder Beat, sondern eher die Frage, wann etwas beginnt, sich unserem Willen zu entziehen. Und genau da kippt es dann: vom Hören ins Mitgetragenwerden.

Ich danke dir für diese zugespitzte Lesart. 

LG
Saira

 Schtzngrrrrm meinte dazu am 16.06.26 um 15:09:
GESUNGEN ZU WERDEN KANN SO ODER SO SEIN, ABHÄNGIG DAVON, UM WELCHEN OHRWURM ES SICH HANDELT... VON MANCHEN MÖCHTE MAN NICHT GESUNGEN WERDEN. 

DIESE AMBIVALENZ SCHWINGT MIT, EINE STÄRKE DES TEXTES. 

Antwort geändert am 16.06.2026 um 15:13 Uhr

 Tula (16.06.26, 01:12)
Hallo Sigi
Musik und Menschen können ganz schön ins Herz gehen. Erstere hat den Vorteil, dass sie im Laufe der Jahre nicht verschrumpelt. Aber gut, dazu haben wir ja die Erinnerungen.

Gestern war mein letzter Urlaubstag zu Hause, d.h. dieses Jahr leider ohne meine Mutter, die ins Heim musste. Da kam ich auf die Idee, mal den alten Plattenspieler anzuwerfen. Gleich beim ersten Ohrwurm schmolz das Herz dahin: Sultans of Swing von Dire Straits. Zeitlos schön wie manche Dame in der Erinnerung  8-)

LG Tula

 Saira meinte dazu am 16.06.26 um 15:10:
Hallo Tula,

ich danke dir sehr für deinen persönlichen Kommentar. In Bezug auf deine Mutter ahne ich, wie schwer diese Entscheidung gewesen sein muss.
 
Und ich habe durch diese unselige aktuelle Geschichte leider erst jetzt gesehen, dass du eine Autorenlesung hattest. Das tut mir wirklich leid, dass ich es nicht rechtzeitig wahrnehmen konnte. Ich hoffe sehr, dass du einen guten Abend hattest, mit vielen positiven Rückmeldungen und einem Publikum, das deine Texte so aufgenommen hat, wie sie es verdienen. Ich freue mich sehr für dich.

Dein Bild vom alten Plattenspieler und „Sultans of Swing“ hat etwas sehr Warmes und zugleich Melancholisches. 

Dieses Zurückfallen in Erinnerungen über Musik und das Wissen, dass sie uns über Jahre hinweg nicht verlässt, passt wunderbar zu dem, was ich im Text ebenfalls zu beschreiben versucht habe.

Das ist auch meine Musik, die bei mir Erinnerungen wachruft, bei der ich dahinschmelze.

Herzliche Grüße
Sigi




Antwort geändert am 16.06.2026 um 15:12 Uhr

 TassoTuwas (16.06.26, 10:13)
Hallo Sigi,
wenn ich einen schweigenden Menschen sehe, im Café oder auf einer Parkbank, und ich sehe ein plötzliches Lächeln über sein Gesicht huschen, und ich erkenne den Knopf im Ohr, dann weiß ich, Musik ist der Türöffner zu Vergangenem.
Liebe Grüße
TT

 Saira meinte dazu am 16.06.26 um 15:16:
Hallo Tasso,

was für ein schönes Bild, das du von einem Café und einer Parkbank zu einem lächelnden Gesicht malst. 

Musik als Türöffner zu etwas, das längst vergangen ist, aber innerlich noch wirkt. Das hast du wunderbar beobachtet.

Danke und liebe Grüße
Sigi

 EkkehartMittelberg (16.06.26, 14:57)
Hallo Sigi,
wenn einen das Lied singt, wird es Zeit, dass man sich einen Vers darauf macht.

Liebe Grüße
Ekki

 Saira meinte dazu am 16.06.26 um 15:20:
Hallo Ekki,

dann hoffe ich mal, mein nächster Vers sitzt.  :)

Danke dir!

Liebe Grüße
Sigi

Antwort geändert am 16.06.2026 um 15:20 Uhr
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