Wäre es zu viel verlangt, dass diese unentwegt von einem Ort zum anderen laufende Eidechse, jene, die in dieser prachtvoll aber rissig gewölbten Zimmerdecke zu Hause ist, sich die dort rastenden Mücken vornimmt? Eine nach der anderen? Keine Ahnung, ob Eidechsen Mücken fressen, aber es liegt meinem Wissen nahe.
Auf die Jagd nach den Drangsalierern zu gehen kann ich nur schwer: Die Decken sind hoch, die Stühle sind niedrig, mein Kopf schmerzt und sowieso: ich bin ein Jammerlappen. Und doch, eine Mücke habe ich gerade abgefangen mit meinen Händen: äußerst geschickt!
Meine Ibuprofen aus der Reiseapotheke brauchte ich noch in Deutschland auf und Ersatz habe ich mir nicht mehr besorgt. Mir bleibt auch wirklich nichts erspart, denke ich und jammere mich durch die letzten Stunden hier. Der Super-GAU wäre natürlich, wenn ich krankheitsbedingt weiter zum Erliegen käme und am Freitag nicht abreisen könnte. Aber ich würde mich wahrscheinlich fortquälen …
In meiner Wasserflasche ist kaum noch Flüssigkeit drin, dafür habe ich noch ein Bier. Das Leitungswasser ist nicht genießbar und ich bilde mir sogar ein, eben daran erkrankt zu sein; dabei nutzte ich es nur zum Putzen meiner Zähne. Aber der hinterlassene Geschmack nach der Dentalpflege versprach mir nichts Gutes – und so kam es ja auch.
…
Mittlerweile habe ich sowohl eine Flasche Wasser, als auch einen Erfolg mit der Luftpumpe und meinen Radreifen zu verbuchen; dafür ist mein linkes Ellenbogengelenk schmerzlich angeschlagen. Nachdem ich probierte, den Druckluftkompressor für meine Zwecke am Rad zu nutzen und dabei zusehen musste, wie mehr Luft entweicht, als die Maschine hineinpumpte, versuchte ich es in meiner nahenden Verzweiflung noch einmal unter körperlicher Anstrengung (zu viel?) mit der Handpumpe aus meiner Reisetasche und siehe da: Es werde Luft(druck). Nun bleibt zu hoffen, dass die Befüllung bis morgen und den morgigen Tag über ausreicht.
Zum Waschen meiner Wäsche werde ich wohl nicht mehr kommen. Ich werde wohl in der nächsten Unterkunft Hand anlegen müssen und mit Seife und Wasser manuell vorliebnehmen; es wird wirklich höchste Zeit.
Wie eine Mücke, die darauf wartet, dass die 8 Stunden Autan-Wirkzeit vorbei sind, warte auch ich, nehme mir etwas vor und verschiebe es, verschiebe es und nehme es mir wieder vor. Alles, was man eben so tut zwischen einer nahenden und einer fliehenden Depression; denn durch den Aufbruch bin ich wieder ein wenig beflügelt und sehe die Trübseligkeit der letzten Tage ein wenig von mir fliehen. Natürlich nicht gänzlich, sie sichert sich schon ihren Anteil und lässt mich nicht ohne Weiteres fahren. Deswegen ist das „fliehen“ auch ein treffender Begriff, denn es hat etwas von Flucht, von Angst und von Unfreiheit … aber genug der Psychoanalyse, ich drehe mich im Kreis und mutmaße über teilweise ungelegte Eier, auch wenn es mich wirklich nicht freudig stimmt, dass mir scheinbar keine längere Freude gegönnt ist, heißt das im Umkehrschluss nicht gleich derart geballt, dass mir die Missstimmung zu Teil werden muss. Ich reise auf einem dünnen Grat, mit der Reißleine als Bindfaden und den Resten dieses Fadens, die meine losen Teile notdürftig zusammenhalten.