Der Schrei

Anekdote zum Thema Lebensweg

von  Bluebird

Genau ein Jahr später ging es in den großen Schulferien wieder mit dem CVJM nach Österreich, dieses mal nach Wagrain im Salzburger Land. Auch hier gab es eine Begebenheit, die mir nachdrücklich in Erinnerung geblieben ist.

   Wir waren auf einer Alm in einer großen Berghütte untergebracht. Um uns herum nur Naturlandschaft. Der Weg runter ins Dorf war recht weit, so dass sich unser Leben hauptsächlich in der Hütte oder um sie herum abspielte.

  Vormittags gab es gewöhnlich kein Programm, außer einer regelmäßigen Andachtsstunde. Die Teilnahme daran war freiwillig. aber ich ging gerne hin. Daran alleine kann man schon ersehen, dass mir der Glaube noch wichtig war. Die große Mehrzahl der Jungs sah man dort allerdings nicht.

  Irgendwann war unser Andachtsleiter auf die Idee gekommen, dass wir doch beim großen Abschiedsfest ein kleines biblisches Theaterstück aufführen könnten. Wir Jungs waren begeistert und die Wahl fiel auf die "Heilung eines Blinden":

Es geschah aber, als er in die Nähe von Jericho kam, da saß ein Blinder am Wege und bettelte. Als er aber die Menge hörte, die vorbeiging, forschte er, was das wäre. Da verkündeten sie ihm, Jesus von Nazareth gehe vorüber.
Und er rief: Jesus, du Sohn Davids, erbarme dich meiner!  Die aber vornean gingen, fuhren ihn an, er sollte schweigen. Er aber schrie noch viel mehr: Du Sohn Davids, erbarme dich meiner!

Jesus aber blieb stehen und befahl, ihn zu sich zu führen. Als er aber näher kam, fragte er ihn: Was willst du, dass ich für dich tun soll? Er sprach: Herr, dass ich sehen kann. Und Jesus sprach zu ihm: Sei sehend! Dein Glaube hat dir geholfen.
  Und sogleich wurde er sehend und folgte ihm nach und pries Gott. Und alles Volk, das es sah, lobte Gott. (Lukas 18. 35-43)  
 
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Der Tag der Aufführung kam. Wir fühlten uns gut vorbereitet und ich freute mich auf die Rolle des blinden Bettlers, für die man mich auserkoren hatte.
   Das Publikum - alle nicht am Stück beteiligten Betreuer und Jungs - saßen auf der großen Wiese vor der Hütte und ich hatte mich etwa zehn Meter entfernt vom Almweg plaziert!
  Und da kam auch schon Jesus mit seinen Jüngern den Weg herauf. Mein großer Moment war gekommen. Ich rief: "Jesus, du Sohn Davids, erbarme dich meiner!" 
So weit, so gut. Jetzt war geplant, dass er zu mir kommen und mich heilen sollte. Aber zu meiner Verblüffung tat er so, als wenn er mich nicht gehört hätte und ging einfach weiter. Ich rief noch einmal ein wenig lauter, mit dem gleichen Erfolg. Jesus ging einfach weiter. 
   Im Publikum entstand erst eine leichte Unruhe, dann keimte Gelächter auf. Einer der größeren Jungs rief mir zu: „Na, wenn das noch was geben soll, musst du dir schon ein wenig mehr Mühe geben!“ Allgemeines Gelächter.
   Und dann schrie ich mit der ganzen Kraft und ehrlicher Verzweiflung mein „Jesus, du Sohn Davids, erbarme dich meiner!“ , dass es jedem durch Mark und Bein gegangen sein dürfte. Erschüttert und stumm saßen sie da, während Jesus sich umdrehte und auf mich zukam.

Heute im Rückblick so vieler Jahre kann ich nicht anders, als in dieser kleinen Episode die Vorschattung zukünftiger Ereignisse zu sehen!



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