Heiß geliebt und doch angegriffen

Sonett zum Thema Ruhm

von  EkkehartMittelberg

Mit „Siddharta“ und „Demian“ auf neuen Pfaden,
„Der Steppenwolf“ ein Gegenbild zum Bürgertum,
Exotische Themen brachten Ruhm,
du hast Jugend zu Abenteuern eingeladen.

Dein Himmel hängt noch immer voller Geigen.
„Narziss und Goldmund“ war dem Kitsch geweiht.
Konventionelle Reime in der Lyrik aufgereiht.
Literaturkritik darf heute nicht mehr schweigen.

Der Nobelpreis für dein Werk war hoch gezogen.
Für Gottfried Benn und Deschner warst du Mittelmaß.
Doch Thomas Mann war deiner Kunst gewogen.

Weltweite Fangemeinde lässt sich Hesse nicht verderben,
Unbeirrbar ist die Mehrheit, die dich las,
„Das Glasperlenspiel“ überstrahlt die kritischen Scherben.


Anmerkung:

Fragen Sie Reich-Ranicki : Hesse - ein Wegbereiter der Literatur?

Aktualisiert am 25.09.2006-12:39

"Hermann Hesses „Steppenwolf“ hat mich vor rund fünfzig Jahren fasziniert. Ich erhalte mir diese Erinnerung dadurch, daß ich dieses Buch nicht noch einmal lese. Nun hat mich ein guter Freund gebeten, ihm meine Meinung zu Hesses Gedicht „Stufen“ zu sagen. Wir sind uns nicht einig geworden - er liebt dieses Gedicht, ich halte es für schlecht. Jürgen Busch, Hamburg

Warum zählen Sie Hesse in Ihrem Buch „Sieben Wegbereiter“ nicht zu den einflußreichsten Autoren des zwanzigsten Jahrhunderts? Raban von Arnim, Bonn

Reich-Ranicki: In den „Sieben Wegbereitern“ habe ich über Schriftsteller geschrieben, die mich schon in ihrer Jugend, in den dreißiger Jahren, interessiert und auch fasziniert haben. Schnitzlers Novellen, die Romane Döblins und, vor allem, Thomas Manns, die frühe Prosa Musils, Kafkas Gleichnisse, Tucholskys Feuilletons und die Lyrik des jungen Brecht - das alles übte auf mich eine beinahe magische Anziehungskraft aus.

Zunächst hat das mit der außerordentlichen Qualität dieser Literatur zu tun. Hinzu kam noch ein aktueller Umstand: Es handelte sich um Autoren, die im „Dritten Reich“ verboten oder zumindest unwillkommen waren. Oder sie waren, wie Kafka und Schnitzler, schon tot, doch als Juden verfemt. Zur Attraktivität, die man immer verbotenen Früchten nachsagt, gesellte sich noch ein anderer, keineswegs schwächerer Reiz - jener der Modernität. Wahrscheinlich habe ich es damals eher gespürt und geahnt als tatsächlich begriffen, daß mit den frühen Büchern dieser Autoren eine neue Epoche der deutschen Literatur begonnen hatte. Aus diesen Wegbereitern wurden dann meine Wegbegleiter.

Das alles gilt für Hesse eben nicht. Seit dem Ersten Weltkrieg lebte er in der Schweiz, seit 1923 war er Schweizer Staatsangehöriger. Den Nazis stand er nie nahe. Er war ein Rebell und ein Anarchist, doch vor allem ein Poet. Sein Werk bietet eine Mischung aus deutschromantischer Tradition und moderner Psychologie, aus Idyllik und Zivilisationsverachtung. Mit der heftigen Kritik des bürgerlichen Lebens verbindet sich bei ihm die Sehnsucht nach einer soliden und stabilen, schließlich doch bürgerlichen Ordnung.

Hesse, vor allem Lyriker, Romancier und Novellist, war außerordentlich erfolgreich, viele seiner Bücher erreichen noch heute sehr hohe Auflagen. Er hatte den Ruf eines strengen Sehers mit zarter Stimme und zugleich eines jugendbewegten Klassikers der Literatur des zwanzigsten Jahrhunderts.

Zu den vielen, sehr vielen enthusiastischen Lesern Hesses gehörte ich nicht, vielleicht mit Ausnahme meiner frühen Gymnasialjahre. Für einen Wegbereiter der deutschen Literatur habe ich ihn nie gehalten. Daß ich aber sein Werk nicht unterschätze, davon konnte man sich unlängst überzeugen, als der von mir herausgegebene Kanon der deutschen Literatur veröffentlicht wurde: Hesse ist in vier der fünf Teile dieses Kanons vertreten.


In der Kassette mit Erzählungen gibt es zwei größere Arbeiten von Hesse: „Knulp“ und „Klein und Wagner“. Im essayistischen Teil finden sich Hesses Aufsätze „Deutsche Erzähler“ und „Notizen zum Thema Dichtung und Kritik“. In den Romanteil habe ich nicht etwa den „Steppenwolf“ aufgenommen. Als ich ihn in meiner Jugend zum ersten Mal las, war ich entzückt, nach der zweiten Lektüre enttäuscht und nach der dritten entsetzt. Daß der Leser aus Hamburg seinem literarischen Geschmack von ehedem mißtraut und daß er sich fürchtet, ihn zu überprüfen, mag nicht unverständlich sein, ist mir aber ziemlich fremd. Für den Romankanon schien mir „Unterm Rad“ geeigneter als der „Steppenwolf“.

Im Lyrikteil des Kanons werden acht Gedichte von Hesse geboten, auch „Stufen“ mit den beiden berühmten Versen: „Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, / der uns beschützt und der uns hilft zu leben.“ Der Leser aus Hamburg, von seinem Freund um ein Urteil über dieses Gedicht gebeten, teilt uns mit, man habe sich nicht einigen können: Ihm mißfällt das Gedicht, dem Freund jedoch gefällt es - wie auch mir.

Muß man denn, wenn man sich über Gedichte unterhält, unbedingt Einigkeit erzielen? Vielleicht hat der eine Gesprächspartner mehr Sinn für Lyrik als der andere? Wie auch immer: Gönnen Sie Ihrem Freund die Freude an diesen Versen. Und der Leser aus Bonn möge es mir bitte nicht übelnehmen, daß ich manches von Hesse schätze, ihn jedoch nicht für einen Wegbereiter unserer Literatur halte."
Quelle; https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/fragen-sie-reich-ranicki/fragen-sie-reich-ranicki-hesse-ein-wegbereiter-der-literatur-1358916.html





Hinweis: Du kannst diesen Text leider nicht kommentieren, da der Verfasser keine Kommentare von nicht angemeldeten Nutzern erlaubt.

Kommentare zu diesem Text


 Regina (25.10.24, 05:30)
"Do you know Hörmän Häss", fragte mich ein Amerikaner und ich wusste erst, was er meinte, als ich mir die veränderte Aussprache des Namens klarmachte. Hesse wurde von der Hippie- und Alternativszene der 70er Jahre auch in den USA gern gelesen.
Hesse seinerseits verachtete seinen Zeitgenossen Rudolf Steiner, den er einen "rastlosen Willensmenschen" nannte. Hesses Esoterik bestand aus Lagerfeuerromantik und Beschaulichkeit, im Sinne seiner Gedichtesammlung "Musik des Einsamen".

 EkkehartMittelberg meinte dazu am 25.10.24 um 10:44:
Merci, Regina, Esoterik spielt im Werke Hesses eine größere Rolle als bei anderen namhaften Dichtern.

 AchterZwerg (25.10.24, 07:44)
Lieber Ekki,

für einen "Wegbereiter der Literatur" halte ich ihn ebenfalls nicht. Und mich wundert es, dass Thomas Mann ihm so gewogen war, der seinerseits zweifellos ein solcher Wegbereiter war.
In meiner Jugend habe ich Hesse indes sehr gemocht; heute gefällt mir, dass er immer wiede an seiner Lyrik gearbeitet hat. - Von einigen Gedichten sind mehrere Fassungen überliefert.

Herzliche Grüße
Piccola

 EkkehartMittelberg antwortete darauf am 25.10.24 um 10:55:
Grazie, Piccola,
Hesse setzte mehr inhaltliche Impulse als ästhetische. Die Reime seiner Lyrik sind oft neoromantisch epigonal. Seine Romane Siddharta, Der Steppenwolf und Das Glasperlenspiel führten jedoch avantgardistisch aus engem bürgerlichen Denken hinaus.
Herzliche Grüße
Ekki
Mondscheinsonate (48) schrieb daraufhin am 26.10.24 um 01:24:
Diese Antwort ist nur für eingeloggte Benutzer lesbar.

 Saira (25.10.24, 11:21)
Moin Ekki,
 
ich mag Hesses Gedichte, die mich zum Träumen bringen. Er schafft es, große Gefühle und innere Welten in seinen Werken auszudrücken. Besonders in seiner Liebeslyrik spiegelt er seine romantische und melancholische Seite wider.
 
Der Steppenwolf hat mich fasziniert. Die innere Zerrissenheit des Harry Haller war für mich beinahe greifbar. Der Protagonist Haller reflektiert Hesses eigenen Emotionen, er fühlt sich zwischen den Welten der bürgerlichen Gesellschaft, die er verachtet und seiner eigenen, inneren Natur, die von Trieben und Instinkten geprägt ist, hin- und hergerissen. Ein Steppenwolf, als Symbol für seine Einsamkeit und für seine wilde, ungezähmte Seite.
 
Dein Sonett ist ein Lobgesang auf Hesses Fähigkeit, Generationen zu inspirieren, während es gleichzeitig die Herausforderungen und Kritiken anerkennt, die er im Laufe seiner Karriere erfahren hat.
 
Herzliche Grüße
Sigi

 EkkehartMittelberg äußerte darauf am 25.10.24 um 14:26:
Gracias, Sigi, ich möchte vor allem auf den Schluss deines sachverständigen Kommentars eingehen. Ich schätze Hesse sehr, doch ein Werk hat Schwächen: "Narziss und Goldmund". Ich erkannte schon als Schüler kitschige Schwärmerei in diesem Roman und durfte das in meinem Abituraufsatz, der veröffentlicht wurde, auch mit Beifall der Prüfer behaupten. Goldmund verlässt mehrere Frauen nach erotischen Erlebnissen, die in das Bild einer Allmutter einfließen sollen. Die Philosophie dieser amourösen Abenteuer halte ich für fragwürdig.

Herzliche Grüße
Ekki

 Nuna (25.10.24, 14:35)
Mit Anfang 20 entdeckte ich "Siddharta" und verschlang es ...danach las ich alles von Hesse bzw. die Bücher die Du hier erwähnst. Ich glaube schon das seine Bücher mich viele Jahre beeinflusst haben. Schön.

LG Oops

 Redux ergänzte dazu am 25.10.24 um 14:46:
Liebe Gudrun,  lieber Ecki, mir ging es ähnlich . Seine Bücher faszinierten mich. Insbesondere " Demian" und " Narziß und Goldmund".

 EkkehartMittelberg meinte dazu am 25.10.24 um 16:12:
Merci, Gudrun, Hesse hat wohl wie kaum ein anderer Autor wegen der esoterischen Themen und der antibürgerlichen Tendenz die Entwicklung junger Menschen begleitet. Vermutlich haben auch viele durch die Lektüre von Siddharta Zugang zum Buddhismus gefunden.
LG
Ekki

 EkkehartMittelberg meinte dazu am 25.10.24 um 16:30:
Hallo Redux,
es ist konsequent, dass dich "Narziss und Goldmund" trotz stilistischer Schwächen sowie "Demian" fasziniert haben, denn es handelt sich um Entwicklungsromane, in deren Polarisierungen sich jeder junge Mensch wiederfinden kann.

LG
Ekki

 plotzn (25.10.24, 19:06)
Servus Ekki,

Siddharta hat mich als Jugendlicher fasziniert und zum Steppenwolf geführt. Damit liegt Hesse in meiner persönlichen Lieblingsliste vor vielen "Klassikern".

Das Ranking der einflussreichsten Autoren überlasse ich gerne Leuten, die sich damit auskennen.

Herzliche Grüße
Stefan

 EkkehartMittelberg meinte dazu am 26.10.24 um 11:47:
Merci, Stefan, dank seiner Entwicklungsromane, die fast alle literaturinteressierten jungen Menschen angesprochen haben, und dank seiner esoterischen Themen, die Lust auf Leseabenteuer wecken, liegt Hesse im Ranking der einflussreichen Autoren in der Spitzengruppe. Was die literarische Qualität angeht, vermissen wohl einige avantgardistische Experimentierfreude. Aber man kann nicht alles haben und Hesse zählt gewiss zu den bedeutendsten Autoren deutscher Sprache.
Herzliche Grüße
Ekki
Mondscheinsonate (48)
(26.10.24, 00:18)
Dieser Kommentar ist nur für eingeloggte Benutzer lesbar.

 EkkehartMittelberg meinte dazu am 26.10.24 um 11:53:
Grazie, Cori, die Aussage trifft sicher zu, dass Hesse unter Jugendlichen mehr LeserInnen findet als unter älteren Menschen. Das tut freilich der Qualität seiner Werke keinen Abbruch.

 harzgebirgler (10.01.25, 14:27)
hallo ekki,

von hesse kann ich nur sagen:
er kam bei mir nicht zum tragen
weil für mich zu maniriert
was den weg zum herz blockiert'.

lg
henning

 EkkehartMittelberg meinte dazu am 10.01.25 um 15:15:
Vielen Dank, Henning,
mir ging es darum, auch auf solche Manierismen hinzuweisen, die freilich nicht für seine besseren Werke zutreffen.

LG
Ekki
Zur Zeit online: